Corona hinterlässt mehr als Todesfälle

In der ständigen Diskussion über Inzidenzen und Todeszahlen wird die Vielfältigkeit und Komplexität der Corona-Folgen oft übersehen. Diese Nachwirkungen der Pandemie sorgen allerdings dafür, dass wir uns noch über Jahrzehnte hinweg mit den Effekten von Covid-19 beschäftigen müssen.

Inzidenzwert, Todeszahlen, Reproduktionszahl – die Berichterstattung zu Corona konzentriert sich oft auf die unmittelbar durch die Infektion betroffenen Menschen. Diese Betrachtung ist sicherlich nicht falsch, da zur Eindämmung und Kontrolle einer Pandemie die Fallzahlen der kritischste Indikator sind. Allerdings wird uns in fünf Jahren klar werden: Diese Herangehensweise ist unvollständig.

Das erste Thema, das nur geringe Beachtung findet, sind die möglichen Langzeitschäden die COVID-19 anrichtet. Viele Menschen, die aufgrund einer Corona-Infektion beatmet wurden, tragen irreversible Lungenschäden davon – viele von ihnen sind jung und lebten gesund. Nun sind sie auf Hilfe durch das Gesundheitssystem angewiesen.

Ich bezweifle, dass selbst bei den bekannten Langzeitsymptomen bereits eine echte Bestandsaufnahme stattgefunden hat, um wie viele Fälle es sich handelt. Viele Menschen haben zwar ihre Covid-19-Infektion überlebt, werden aber trotzdem für den Rest ihres Lebens einen hohen Preis zahlen müssen. Die Diskussion lediglich auf Todeszahlen zu beschränken und anhand dessen die Leistungen von Ländern miteinander zu vergleichen, ist definitiv kurzsichtig und unterkomplex. Den Menschen mit langfristigen Gesundheitsschäden muss auch eine entsprechende medizinische Versorgung zukommen – und zwar weltweit. Das dürfte besonders in weniger entwickelten Gesundheitssystemen schwierig werden.

Der zweite Themenbereich, der oft übersehen wird, sind die vielfältigen langfristigen Auswirkungen für junge Menschen. Es ist zwar richtig, dass junge Menschen – abseits von nicht altersbedingten Risikogruppen – ein deutlich geringeres Todesrisiko bei Covid-19 tragen. Dennoch gibt es viele andere Bereiche, in denen die Coronakrise jungen Menschen massiv schadet. Gerade Schüler:innen oder Student:innen werden massiv dadurch beeinträchtigt. Zudem ist es für viele Menschen schwerer, einen Praktikums-, Ausbildungs- oder Arbeitsplatz für den Berufseinstieg zu finden.

Viele Student:innen haben ihren Nebenjob verloren und fragen sich, wie sie ihr Studium finanzieren sollen. Der Fokus muss besonders auf Menschen aus weniger wohlhabenden Haushalten gerichtet werden. Denn die Effekte von Home-Schooling hängen stark von Bildungsgrad und Einkommen der Eltern ab: Technische Ausrüstung, Betreuung und Nachhilfe sind keine Selbstverständlichkeiten. Viele Menschen werden ihr wirkliches Potenzial auf ihrem Bildungsweg wohl nie entfalten können, da auch das deutsche Bildungssystem nur wenig Durchlässigkeit zwischen den einzelnen Pfaden liefert.

Anja Karliczeks Bildungsministerium hat nur unzureichende Antworten geliefert. Es scheint fast, als habe die Bundesregierung kein Interesse daran, sich wirklich um die Bedürfnisse junger Menschen zu kümmern, die durch die Coronakrise schwer getroffen wurden. Sofern sich nichts ändert, werden vielen Menschen wichtige Aufstiegschancen nachhaltig verwehrt bleiben. Wenn die Politik keine vernünftigen Maßnahmen  beschließt, wird der Schaden für die Gesellschaft und die betroffenen Menschen immer weiter ansteigen.

Zu guter Letzt dürfen wir die langfristigen Auswirkungen für unsere psychische Gesundheit nicht unterschätzen. Es ist schön zu sehen, dass Mental Health in den letzten Jahren Stück für Stück enttabuisiert wurde und Probleme immer stärker offen besprochen werden. Dennoch wird Betroffenen nur unzureichend geholfen. Wer auf die gesetzliche Krankenversicherung angewiesen ist, hatte es vor der Coronakrise bereits schwer, einen Therapieplatz zu finden. Das Gesundheitssystem ist hierbei extrem ineffizient, da das Angebot an Therapieplätzen die Nachfrage klar unterschreitet. Hier sind dringende Reformen notwendig, die allerdings bereits seit Jahren nicht angegangen werden.

Covid-19 und soziale Isolation durch ständige Lockdowns haben bei vielen Menschen psychische Probleme entstehen lassen, die dringender Behandlung bedürfen. Der Themenkomplex Mental Health muss endgültig aus dem Feld der Tabuthemen entfernt werden – wir benötigen ernsthafte gesellschaftliche Aufklärungsarbeit. Doch vor allem müssen endlich genügend Therapieplätze geschaffen werden. Depression war bereits vor Corona ein gesamtgesellschaftliches Problem, das sich nun mit jedem weiteren Tag Lockdown weiter verschärft. Die Ernsthaftigkeit und Folgen psychischer Erkrankungen werden nach wie vor unterschätzt – für Betroffene und Angehörige. Erhalten Betroffene die Chance, sich dank Therapie aus ihrer Depression herauszukämpfen, so gibt man ihnen auch ein großes Stück Freiheit im Leben zurück.

Insgesamt muss die Diskussion über die Covid-19-Pandemie komplexer und vielfältiger werden. Corona ist mehr als ein Diagramm mit Inzidenzwerten, Todeszahlen oder der Reproduktionszahl. Die durch diese Erkrankung ausgelöste Krise betrifft verschiedenste Lebensbereiche, von denen ich hier nur drei kurz skizziert habe – es gibt viele weitere. Eine ordentliche Krisenpolitik muss die Bedürfnisse aller Menschen ernst nehmen und sorgfältig zwischen Infektionsschutz und Bürgerrechten abwägen. Die Corona-Krise durch eine gute Impfstrategie endlich zu Ende zu bringen, wäre ein guter erster Schritt. Mit der Aufarbeitung der weitreichenden Folgen der Krise fängt für uns als Gesellschaft die Arbeit dann wohl erst an.

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