Wie helfen wir der Ukraine sinnvoll?

Die Hilfsbereitschaft für Menschen, die vor Putins Krieg aus der Ukraine flüchten, ist so hoch wie selten. Doch die Situation birgt außergewöhnliche Herausforderungen. Wie wir bestmöglich helfen können, analysiert unser Gastautor.

Ein kleines Gebäude in den Farben der Ukraine

Die folgenden Gedanken entstanden aus Eindrücken und Überlegungen zweier turbulenter Wochen in Dresden. Auch wenn Bedingungen sich vor Ort unterscheiden, nehme ich an, dass die grundsätzlichen Probleme sich bundesweit ähneln.

Allgemeine Situation

Nach dem völkerrechtswidrigen Angriff des Putin-Regimes auf die Ukraine vor zwölf Tagen beobachten wir neben einem großen Maß an Solidarität und dem Wunsch zu helfen auch eine schnell anwachsende Zahl flüchtender Menschen. Laut UNHCR haben binnen zehn Tagen bereits 1,5 Mio. Menschen die Ukraine verlassen. Es handelt sich um die am schnellste wachsende Fluchtwelle seit dem Zweiten Weltkrieg. Bereits am 1. März rechnete das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen mit bis zu vier Millionen Flüchtenden. Sollte der Konflikt andauern und Fluchtausmaße wie im Irak oder Syrien erreicht werden, müssten wir langfristig für acht bis zehn Millionen Menschen ein neues Zuhause finden. Das entspräche einem Fünftel bzw. einem Viertel der bisherigen Bevölkerung der Ukraine.

Hilfswünsche, Hilfsangebote und Helferermüdung

Vereinfacht gesagt gibt es momentan drei Strecken der Hilfe: Zunächst die Hilfe für die Situation in der Ukraine mit Lebensmitteln, Medikamenten bis hin zu Ausrüstung für die Soldaten und Reservisten des Landes. Daneben zahlreiche dezentrale Angebote, um die Menschen von den Grenzpunkten der Ukraine in eine wenigstens zeitweilige Bleibe in verschiedenen Ländern zu bringen. Und nicht zuletzt die Bemühungen, der ukrainischen Diaspora eine längerfristige Bleibe in Deutschland zu ermöglichen. All diese Hilfsformen konkurrieren momentan um Aufmerksamkeit, Geld und Hilfsbereitschaft der Menschen. Sollten die Ereignisse andauern, ist davon auszugehen, dass die Bereitschaft zu helfen schnell, vielleicht abrupt, wieder ermüdet. Das hat verschiedene Gründe.

Zu einem sind die furchtbaren Bilder und Nachrichten eine persönliche Belastung. Selbst, wenn man nicht unmittelbar betroffen ist. Niemand kann tagein, tagaus Nachrichten dieses Horrors konsumieren ohne abzustumpfen oder sich wieder in emotionale Distanz zu den Ereignissen zu bringen. Das ist eine notwendige Handlung, um den eigenen Alltag bestreiten zu können und weiterhin im Beruf oder als Elternteil zu bestehen. Dies mag absehbar kritisiert oder gar verurteilt werden. Verständlich, wenn die Einen um das Überleben ihrer Lieben und die Anderen um die Bewahrung des Rests von Alltag nach zwei Jahren Pandemie ringen.

Daneben sind auch die Stoßrichtungen der Hilfsgesuche dem Ziel nach unterschiedlich. Während sich einzelne Politikwissenschaftler wie Johannes Varwick bereits entblöden, Russland eine in Berlin ansässige Exilregierung zur Preisgabe der Ukraine an Russland vorzuschlagen, wollen Selensky und viele Ukrainer bis zum Schluss für ihre Freiheit kämpfen und fordern Unterstützung. Für die Helfer bedeutet dies eine absehbare Politisierung der Hilfsforderungen. Will man den geflohenen Menschen künftig ein normales Leben in Deutschland ermöglichen oder lieber helfen, die Kämpfer von Kiew auszurüsten? Dieser Streitpunkt hat das Potenzial, Helfer und Betroffene in einen Zwiespalt zu ziehen. Nicht zuletzt haben wir eine ermüdete Verwaltung nach zwei Jahren Pandemie.

Corona-Burn-Out

Machen wir uns nichts vor, die Pandemie hat die Kräfte aller Menschen in Deutschland geschröpft. In den Verwaltungen wurden viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter über Monate zusätzlich zur Nachverfolgung von Kontakten herangezogen. Sie sind zwar anders belastet worden als das ärztliche und pflegerische Personal, doch sie sind alles andere als erholt und tatkräftig. Nun trifft die Ämter und Behörden eine zusätzliche Krise mit einer hohen Dynamik. Und die Hilfe der Menschen verschärft den Handlungsdruck teilweise noch. Während die Unterkunftskapazitäten in den Städten und Kreisen hochgefahren werden, bringen viele Menschen geflohene Ukrainer nach Deutschland in der Hoffnung, dass hier schon alles bereitstünde. Dieser Trugschluss verschärft die Lage. Zwar mag man eine Mutter mit Kind für einige Tage bei sich aufnehmen, aber das sind regelmäßig nur Zwischenlösungen vor einer längerfristigen Unterbringung. Wenn zu Platzproblemen in den eigenen vier Wänden noch enge finanzielle Spielräume oder der Umgang mit Traumata hinzutreten, mag sich manch gutes Herz schnell überfordert fühlen und um staatliche Unterstützung bitten. Nicht zuletzt ist es einfach keine gute Idee, bedürftige Menschen ohne jede Ü̈berprüfung bei Fremden einzuquartieren. Es ist ein trauriger Fakt, dass sexuelle Gewalt vor allem in privaten Umgebungen stattfindet. Ü̈ber diesen Umstand dürfen wir bei allem Idealismus nicht naiv werden. Und wenn sehr viele Menschen auf einmal kommen, werden wir auch wieder über die Turnhallen sprechen müssen. Alles ist besser als Obdachlosigkeit. Doch die geringe Impfquote unter ukrainischen Geflüchteten und eine sich schnell verbreitende Virusvariante verschärfen die Gesamtlage einmal mehr.

Lösung machbar?

Ein hochdynamischer Konflikt, eine Pandemie, eine ermüdete Verwaltung und eine hochmotivierte Zivilgesellschaft stellen uns vor eine außergewöhnliche Herausforderung, selbst nach 15 Jahren Dauerkrise. Die Lösung kann nur darin bestehen, dass wir uns zwingen, bei allem Leid die Übersicht zu wahren. Wir werden in den Städten und Gemeinden, über Partei- und Organisationsgrenzen hinweg, Strukturen etablieren müssen, die es uns ermöglichen, zielgerichtet zu handeln. Damit wir nicht nur alle am selben Strick, sondern auch in die selbe Richtung ziehen, bedarf diese Krise eines kühlen Kopfes. Und einer hohen Bereitschaft, die Helferinnen und Helfer in ihren Rollen zu verstehen. Wir haben die Kraft und die Fähigkeiten, den Menschen aus der Ukraine in vieler Hinsicht substanziell zu helfen. Doch wir bedürfen großer Disziplin, um uns dabei nicht selbst in die Quere zu kommen: Ehrgeiz und Empathie müssen nun Hand in Hand arbeiten.


Der Gastbeitrag spiegelt die Meinung des Gastautors wider.


Gastautor

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