„Pflichtdienst“: Gegen jede Enteignung – gerade die von Lebenszeit!

Bundespräsident Steinmeier holt das Evergreen „Dienstpflicht“ wieder einmal aus der Mottenkiste. Warum das keine gute Idee ist.

Herzlich willkommen im Sommerloch! Pünktlich zur warmen Jahreszeit wird in Deutschland wieder einmal die Debatte um eine allgemeine Dienstpflicht für junge Menschen ausgegraben. Dieses Mal gleich vom Bundespräsidenten höchstpersönlich – die Konservativen in allen Parteien, von denen es in Deutschland reichlich gibt, jubeln. Und die Stammtische und Feuilletons der Republik sind beschäftigt, wenn es diesen Sommer schon keine Fußball-WM gibt.

Junge Menschen sollen der Gesellschaft etwas zurückgeben. Junge Menschen sollen lernen, was Disziplin und Arbeit bedeutet. Junge Menschen sollen ihren Horizont erweitern und aus der eigenen Blase herauskommen. Die Argumente sind jedes Mal, wenn das Thema wieder aufgebracht wird, so gleich wie falsch.

Es geht gerade um die jungen Menschen, denen in den letzten zweieinhalb Jahren so vieles verboten wurde, um Alte und Kranke vor einem Virus zu schützen, das für Jüngere nicht im Ansatz dieselben Gefahren birgt. Es geht um die jungen Menschen, die auf Reisen, den Abiball oder die Ersti-Woche an der Uni verzichten mussten.

Es geht um die jungen Menschen, denen unser kaputtes Rentensystem im Alter mehr als allen anderen in den Rücken fallen wird. Um die, die vermutlich ohnehin länger werden arbeiten müssen. Ihnen soll jetzt noch ein potenzielles Erwerbsjahr am Anfang ihres Weges genommen werden, in dem sie für eine bestenfalls lächerliche Vergütung arbeiten müssen und kaum Ansprüche für ihre Altersversorgung erwirtschaften können?

Und es geht um die jungen Menschen, die sich bereits jetzt ehrenamtlich für unsere Gesellschaft engagieren. Sei es in Hilfsorganisationen, im Sportverein oder der Politik: Vielfach wäre der Betrieb hier ohne junge Menschen, die neben Schule, Studium, Ausbildung oder Job eine Mehrfachbelastung aufnehmen, kaum in seiner aktuellen Form zu stemmen. Warum räumt man nicht dem Ehrenamt Steine aus dem Weg, anstatt Menschen in das Korsett eines staatlichen Pflichtdienstes zu pressen? Warum erhöht man nicht Übungsleiterpauschalen und schafft Bürokratie ab, die gerade kleine Vereine an allen Ecken und Enden erdrückt?

Und es geht um die jungen Menschen, die aus ihrer Blase herauskommen und über den Tellerrand schauen wollen. Work and Travel in Australien? Gap Year in den USA? Mit Interrail durch Europa? Keine Chance, wenn nach dem Schulabschluss das staatliche Zwangsjahr wartet.

Es geht übrigens auch um jene jungen Menschen, von denen sich in den letzten Jahren stets mehr bei der Bundeswehr bewarben als diese überhaupt einstellen kann. Probleme bei der Bundeswehr lösen sich nicht, indem man die Kasernen Jahr für Jahr mit bestenfalls halbmotivierten jungen Erwachsenen vollstopft, sondern indem man – wie es die Bundesregierung mit dem Sondervermögen nun richtigerweise tut – endlich unsere Soldatinnen und Soldaten richtig ausstattet und diverse Prozesse, angefangen bei der Beschaffung, gründlich entschlackt.

Auch wer glaubt, mit einem Pflichtdienst könne man Probleme in sozialen Berufen wie der Altenpflege, im Rettungsdienst oder in Obdachlosenunterkünften lösen, irrt: In diesen Bereichen braucht es motivierte und empathische Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die für ihren Job brennen und nicht von ihm kaputtgemacht werden. Es braucht dort sicher Reformen für bessere Gehälter und insbesondere flexiblere und familienfreundlichere Arbeitszeitmodelle als auch Unterstützung bei der Infrastruktur, etwa indem Kita-Öffnungszeiten schichtdienstfreundlicher werden. Und natürlich sind diese Bereiche durchaus auf Freiwilligendienstleistende angewiesen. Wenn aber FSJler als superbillige Arbeitskräfte und „Gehälter“ von wenigen hundert Euro im Monat als angemessen betrachtet werden, braucht sich niemand zu wundern, dass diese Dienste für viele unattraktiv sind und bleiben.

Es gibt so viele denkbare Möglichkeiten, um unzweifelhaft systemkritische Bereiche von der Bundeswehr bis zur Pflege zu stärken. Genauso gibt es so viele Chancen, jungen Menschen Ehrenamt, Freiwilligendienste und soziales Engagement näherzubringen und zu erleichtern. Nichts davon ist auch nur im Ansatz ausgeschöpft. Aber immer wieder, pünktlich zum Sommer, kommt die mittlerweile nur noch nervtötende Debatte um Wehr-, Dienst- und sonstige vermeintliche soziale Pflichten. Über die Köpfe junger Menschen hinweg wird völlig ungeniert über die Enteignung ihrer Lebenszeit philosophiert – es ist respektlos.

Der Vorschlag des Bundespräsidenten sollte deshalb, bei allem Respekt, schnell wieder dort verschwinden, woher er kam: In der Mottenkiste.

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