Pulverfass Cottbus?

Du musst nicht direkt von der rechten Szene bedroht werden, um zu merken, wie bedrohlich sie ist. Es ist eine anhaltende, unbehagliche Grundstimmung, die einem recht schnell bewusst wird.

Cottbus, eine Stadt im tiefsten Osten der Republik, die von den Einwohnerzahlen immer zwischen Groß- und Kleinstadt schwankt. Eine Stadt, die schrecklich unter dem demographischen Wandel und dem ständigen Wegzug junger Menschen aus der Lausitz leidet. Zudem auch eine Stadt, in der die AfD zur Landtagswahl im September 2019 beide Wahlkreise gewonnen hat und die stärkste Kraft in der Stadt wurde.

Ich bin in Cottbus groß geworden – das hier soll die Stadt nicht niedermachen. Cottbus und die Lausitz sind idyllisch und absolut sehenswert, aber die Stadt hat eben auch ihre Schattenseiten. Doch so ein Rechtsruck ist nicht nur in Cottbus vorzufinden. Ähnliche Entwicklungen waren in den vergangenen Jahren ebenso in Bautzen, in Köthen, Chemnitz oder Dortmund zu sehen. Trotzdem gibt es Umstände, die Cottbus abheben. Zum einen ist es noch völlig ungewiss, wie es nach der Braunkohle in der Lausitz weitergehen wird. Zum anderen ist die Stadt geprägt von einer politischen Kultur, in der Demokratie, Autorität und Vertrauen in den Staat eine andere Rolle spielen als in der niedersächsischen Provinz oder in einer norddeutschen Metropole – auch 30 Jahre nach der Wende.

Zugegeben: Sich in einer Stadt wie Cottbus politisch zu engagieren hat sich immer etwas riskant angefühlt. Wieso? Rechtes Gedankengut, Symbole und Äußerungen sind omnipräsent. Die rechte Szene ist gut organisiert. In der Innenstadt sind regelmäßig in szenetypischen Labels gekleidete Menschen anzutreffen, völlig normal. Es stört auch niemanden. Das Stadion und die Fanszene sind seit Jahren geprägt von rechten Fangruppierungen, die die Tribünen beherrschen. Klar, das gibt’s öfter in Deutschland. Entsprechend zeichnet es Cottbus nicht aus, ist aber dennoch Teil des Stadtbilds. Ebenso präsent ist die rechte Szene in Cottbusser Clubs – dabei sind nicht die Gäste in den Clubs das Problem, sondern viel mehr die Türsteher vor den Clubs. All das ist da. Nur das Problem ist vermutlich, dass es genauso egal ist. Der Großteil jener, die dort leben, wird sehr wahrscheinlich nie so direkt mit der Szene konfrontiert sein – obwohl all diese Probleme so offensichtlich sind.

Grundsätzlich gilt: wenn Cottbus überregional in den Medien auffällt, dann negativ. Bereits seit 2015 gab es vor Flüchtlingsunterkünften Proteste, gegen Flüchtlingsunterkünfte und Flüchtlinge. Im Januar 2018 dann der Eklat: Messerattacken von Migranten auf Deutsche. Gleichzeitig stieg die Zahl rechter und rassistischer Anschläge und Angriffe auf Geflüchtete und ihre Unterkünfte enorm an. In kürzester Zeit formierte sich der Pegida-ähnliche Verein „Zukunft Heimat“, der es bereits zur ersten Demonstration schaffte, 1500 Teilnehmer zu mobilisieren. Darunter auch stadtbekannte Neonazis und Hooligans. An vorderster Front war natürlich auch die AfD. Die Feindbilder sind klar: Flüchtlinge, die Bundesregierung und die Medien, die grundsätzlich als „Lügenpresse“ betitelt werden. Die Demos prägten für die folgenden Wochen das Stadtbild. Das Interesse an der Teilnahme ebbte mit den Jahren ab.

Festzuhalten bleibt jedoch: Das ständige Erzeugen und Verstärken von Angst ist an Cottbus nicht spurlos vorbeigegangen. Das Anknüpfen von Politikern an die rassistischen Diskurse der Straßenproteste kurz nach den Ereignissen Anfang 2018 führte zu weiterer Verunsicherung.

Was bleibt ist angespannte Stimmung. Die Stadt als eine Art Pulverfass, das bei jedem weiteren Ereignis explodieren könnte. Es ist daher schwierig abzuschätzen, wie sich die Stadt politisch entwickeln wird.

Du musst nicht direkt von der rechten Szene bedroht werden, um zu merken, wie bedrohlich sie ist. Es gab für mich nie das einschneidende Erlebnis, an dem ich zur Erkenntnis kam, dass es gefährlich ist. Es ist eine anhaltende, unbehagliche Grundstimmung, die einem recht schnell bewusst wird. Wir sollten niemals unterschätzen, welche Gefahr von dieser Szene ausgehen kann. Ich habe nicht alle Antworten. Ich weiß nicht, wie oder ob man die Stadt “retten” kann. Sicher ist nur, dass das Pulverfass Cottbus nicht ignoriert werden darf.

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