Einbildung ist auch eine Bildung – Studium und Schule während Corona

Ich möchte diesen Beitrag mit einer kurzen Darstellung meiner persönlichen Corona-Studiensituation beginnen: Ich studiere nun seit drei Monaten in London.

Dort habe ich das Glück unter den bestmöglichen Bedingungen, die man derzeit als Student haben kann, zu lernen und zu arbeiten: Meine Professoren haben ausgezeichnete Digitalkompetenz, die Universität kommuniziert tagesaktuell mit uns und die Technik ist allem überlegen, was ich von meinem Studium an der TU München kenne, sowohl was die Lernplattform anbelangt, als auch die Übertragungstechnik für Lehrveranstaltungen. Hinzu kommt, dass meine Universität zu den wenigen zählt, deren Hygienekonzept so ausgefeilt ist, dass es ihnen sogar erlaubt wurde während des Lockdowns weiter Hybridunterricht – mit Präsenzveranstaltungen in mehreren Kohorten – stattfinden zu lassen. Trotz dieser Möglichkeiten bedauern ich und meine Kommilitonen sehr, dass wir nicht öfter persönlich an den Veranstaltungen teilnehmen können und uns auch untereinander nicht besser austauschen können. Studium und Schule sind mehr als reine Wissensvermittlung. Wie wichtig dieses “mehr” ist, wird derzeit durch seine plötzliche Abwesenheit spürbar

Umso wichtiger wäre es unter den gegebenen Umständen die größtmögliche Interaktivität außerhalb des Präsenzunterrichts zu gewährleisten. In Anbetracht der absolut mangelhaften digitalen Infrastruktur an deutschlands Schulen bleibt das leider nur ein Wunschtraum. Erfahrungsberichte von befreundeten Lehrern, Schülern und Studenten machen mich betroffen. Das Versagen der Bildungs- und Digitalpolitik des letzten Jahrzehnts rächt sich:

Der Mangel an Schülerlaptops und -tablets, die Defizite der Lehrerausbildung im Umgang mit technischen Hilfsmitteln und Programmen, uneinheitliche, nicht funktionierende Online-Lehr- und Lernplattformen und enorme Ausstattungsunterschiede zwischen Schulen des gleichen Regierungsbezirks lassen Bildungsgerechtigkeit in weite Ferne rücken.

Oft wurde in den letzten Jahren das Thema “Digitalisierung” als Buzzwording und Luxusproblem abgetan. Heute trägt die nächste Generation die Last dieser Überheblichkeit und in dieser insbesondere diejenigen, die schlechteren Zugang zur notwendigen Hardware haben und deren Eltern sich nicht um ihr Fortkommen kümmern können. Denn Whatsapp-Chats und Arbeitsblätter in Sammelordnern ersetzen keinen Unterricht.

Es bleibt nur zu hoffen, dass in dieser Krise die Fehler der Vergangenheit erkannt und die Konsequenzen gezogen werden.

Digitalisierung first, Bedenken second! – Dieser Slogan erscheint aus heutiger Perspektive nahezu prophetisch. Da die Bedenken zuerst kamen hat man nun handfeste Probleme. Wollen wir Bildungschancen und Chancengerechtigkeit wiederherstellen, muss das deutsche Bildungswesen von Grund auf digitalsaniert werden.


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