Long COVID ist kein Wirtschaftsfaktor

Eines vorweg: Dieser Beitrag dient nicht als Stellungnahme zur Sinnhaftigkeit verschärfter Lockdownmaßnahmen oder Einschätzung von Long COVID im Hinblick auf die Frage: “Wie weit muss Gesundheitsschutz gehen?”

Mir geht es darum, dass bei derzeit stagnierenden COVID-Opferzahlen dem Phänomen Long COVID zunehmend Bedeutung beigemessen wird. Das Interessante daran ist, dass immer häufiger nicht nur der ethische Aspekt – Schutz der Bevölkerung vor Long COVID – sondern insbesondere die wirtschaftlichen Konsequenzen als Argument herhalten müssen.

Zum jetzigen Zeitpunkt gibt es noch keine medizinische Definition für Long COVID. Man bezeichnet mit dem Begriff im Allgemeinen eine große Bandbreite an Krankheitssymptomen, unter denen ein Patient auch vier Wochen nach überstandener Covid-19 Infektion noch leidet. Es ist ein Phänomen, das noch sehr viel besser erforscht werden muss, da momentane Studien darunter leiden, dass viele Symptome unspezifisch sind und angesichts anhaltender Lockdowns in Studienländern nicht sicher gesagt werden kann, inwieweit insbesondere neuropsychiatrische Symptome auf die vorausgegangene Krankheit zurückgeführt werden können. Auch Auskünfte zum Arbeitsalltag Betroffener sind unter derzeitigen Umständen schwierig einzuordnen.

Womit wir bei den wirtschaftlichen Folgen wären und Aussagen wie der Karl Lauterbachs am 22. März, Folgen von Long COVID wögen schwerer für die Wirtschaft als wochenlange Lockdowns. Schätzungen zur Verbreitung von Long COVID reichen von 5% bis 20%. Gehen wir also vom Worst-Case-Szenario aus, dass von Deutschlands knapp 3 Millionen an COVID Erkrankten tatsächlich 600.000 von Long COVID betroffen sind. Nach der von Lauterbach zitierten Studie gibt knapp ein Viertel der Betroffenen an, aufgrund von COVID und dessen Folgen zum Zeitpunkt der Befragung nicht mehr oder noch nicht wieder in Arbeit zu stehen. Wir reden also über 150.000 potenziell Arbeitslose. Das ist zweifelsfrei nicht wenig, selbst wenn es sich um das Worst-Case-Szenario handelt.

Die gesamtfiskalischen Kosten von Arbeitslosigkeit, also Mehrausgaben UND Mindereinnahmen, beliefen sich 2018 bei 2,27 Millionen Arbeitslosen auf ca. 51 Milliarden Euro. Ebenfalls eine beträchtliche Summe. Aber nun zum Problem, das offenbart, warum Long COVID nicht als “Wirtschaftsargument” dienen kann: Nach Berechnungen des Instituts für Deutsche Wirtschaft (IW) beläuft sich der Wohlfahrtsverlust durch den wirtschaftlichen Stillstand auf 50 Milliarden allein im ersten Quartal 2021 und 250 Milliarden seit Frühling letzten Jahres. Das ifo-Institut rechnet mit einem Anstieg der Arbeitslosigkeit um bis zu 1,8 Millionen. Selbst wenn man davon ausginge, dass Long-COVID-Patienten zu 10 Milliarden Euro gesamtfiskalischen Kosten pro Jahr führen, ist das in Anbetracht der anderen Wirtschaftsschäden, die wir derzeit erleiden, ein Tropfen auf den heißen Stein. Deswegen kann die Argumentation sich nicht zusätzlich auf die wirtschaftlichen Folgen von Long COVID stützen, sondern muss ethischer Natur bleiben.

Um mit einem optimistischen Ausblick zu enden: Wie so oft in den letzten Monaten sind Impfungen der Hoffnungsschimmer. Erste Umfragen unter Long-COVID-Patienten zeigen, dass ca. 30% der Teilnehmer eine Verbesserung ihres Gesundheitszustandes nach der Impfung beobachten. Also ran mit dem Stoff!


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