„Blue Wave“, Trump-Upset 2.0 oder eine „ganz normale“ US-Wahl?

Die US-Präsidentschaftswahl 2020 hat mit Biden einen klaren Favoriten. Allerdings konnte Trump 2016 schon einmal als Außenseiter gewinnen. Die Hintergründe der diesjährigen Wahl sind allerdings völlig andere als 2016.

Im Nachgang zur US-Wahl haben wir weiteren Artikel zu dem Thema veröffentlicht, wo wir auf die drei zentralen Lehren aus der Wahl eingehen: Den Artikel dazu findet ihr hier

Im Rahmen der US-Präsidentschaftswahl möchten wir euch die Möglichkeit geben, selber Prognosen für den Ausgang der Wahl abzugeben. Dazu könnt Ihr unser praktischen Presidential Election 2020 Tool verwenden. Durch klicken auf den Bundesstaat oder den entsprechenden Button auf der rechten Seite der Karte könnt ihr entscheiden, ob ein Bundesstaat an Trump oder Biden fallen wird. Zum Sieg werden 270 Electoral College Votes benötigt. Nachdem ihr eure individuelle Vorhersage für diese Wahl erstellt habt, könnt ihr euch mit dem Download-Button eure Karte herunterladen und sie z. B. auf Social Media verwenden. Am besten nutzt ihr dafür den Hashtag #uswahl2020. Außerdem habt ihr die Chance, eine coole Tasse mit dem keepitliberal.de Logo zu gewinnen. Dazu müsst ihr nur eure Karte unter den Tweet zum Artikel posten und dabei den Hashtag #uswahl2020 verwenden. Die Teilnahmebedingungen zum Gewinnspiel findet ihr hier.

Viel Glück und viel Erfolg bei eurer Prognose.

Meine Prognose: So wird das Electoral College aussehen

Ich vermute, dass Biden die Wahl zwar deutlich gewinnen wird, dass aber eine echte „Blue Wave“ im Electoral College ausbleiben wird. Es ist für ihn schwierig, Überraschungssiege in traditionell roten Staaten zu landen, da er selbst mit seinem großen nationalen Vorsprung in diesen Bundesstaaten deutlich zurück liegt (z.B. in South Carolina oder Montana). Texas und Ohio sind völlige Toss-Ups und auch generell inzwischen Swing States in den letzten Jahren geworden. Meine Vermutung ist, dass sich Trump und Biden diese beiden Staaten teilen (Trump gewinnt Texas und Biden gewinnt Ohio), wobei ich es auch nicht als unwahrscheinlich ansehe, dass einer der beiden beide Staaten gewinnen würde.

Ich habe mich dafür entschieden, Ohio Biden zuzurechnen, da sich gerade dort 2016 besonders viele Wähler befanden, denen eine Wechselstimmung wichtig war. Diesen Vorteil hat Trump eindeutig verspielt. Ebenso ist Ohio ein Staat, der von der wirtschaftlichen Krise in der Corona-Zeit mit am härtesten getroffen wurde – was insbesondere ins Gewicht fallen könnte, da Trump dem Nordosten 2016 eine bessere Wirtschaftsentwicklung versprochen hatte. Zudem ist die Corona-Infektionslage im Nordosten – und somit auch in Ohio – ziemlich ernst, sodass diese Situation auch in eine Bewertung der Amtszeit Trumps einfließen könnte. Aktuell führt Trump in den Umfragen nach wie vor in Ohio, aber die hohe Wahlbeteiligung und die Wechselstimmung 2020 Contra-Trump lassen meiner Meinung nach eher Ohio als Texas blau werden.

Iowa bleibt meiner Ansicht nach ein roter Staat, wobei auch hier ein sehr knappes Rennen zu erwarten ist. Die letzten Umfragen deuten darauf hin, dass Trump hier die Überhand behalten könnte und es für Biden schwer wird, in diesem Staat erfolgreich zu sein. Zudem spielen die demographischen Strukturen und progressiveren Politikeinstellungen in Iowa Biden nicht wirklich in die Hände, was bereits bei den Vorwahlen zu einer schlechten Performance Bidens in dem Staat geführt hat. Viele Sanders-Wähler aus den Iowa Caucuses in diesem Februar könnten von Sanders auf Trump und nicht von Sanders auf Biden wechseln.

Die generellen Prognosen zu den Battleground States befinden sich weiter unten im Artikel, wo diese Staaten en detail einzeln besprochen werden. Daher werde ich bei der Beschreibung dieses Szenarios nicht weiter darauf eingehen.

Falls Ihr euch noch einmal genauer über das US-Wahlsystem und das Electoral College informieren wollt, findet ihr hier einen informativen Artikel von uns dazu, mit dem Ihr euer Wissen darüber auffrischen könnt.

Wie Trump erneut einen Überraschungssieg landen könnte

Ein Sieg von Donald Trump ist natürlich nicht ausgeschlossen und wenn er gewinnen möchte, dürfte er unter keinen Umständen weder Texas noch Ohio verlieren. Die unterschiedlichen (realistischen) Kombinationen an gewonnenen Staaten, die zu einem Trump-Sieg führen könnten, sind bereits mit einem Sieg dieser beider Staaten sehr gering – eine Niederlage in einer der beiden Staaten würde einen Trump-Wahlsieg vermutlich unmöglich werden lassen. Ein garantierter Sieg beider Staaten ließe die Wahrscheinlichkeit eines Trump-Sieges lediglich von 10% auf 24% steigen – eine deutliche Veränderung, aber auch eine Situation, in der Biden immer noch eindeutiger Favorit wäre und ein größerer Favorit als Clinton generell bei der Wahl 2016. Also: Trump braucht Ohio und Texas – falls Biden einen der beiden Staaten gewinnt, hat Trump vermutlich keine Chance mehr auf einen Wahlsieg.

Eine weitere zentrale Rolle kommt Staaten wie Florida und Arizona zu, in denen Biden aktuell favorisiert ist. Wer sich an die US-Wahl 2016 erinnert, der denkt auch sicherlich an den Moment, in dem es zuerst möglich erschien und dann klar wurde, dass Trump Florida gewinnt, woraufhin sich der Gedanke breit machte, dass Trump nun wirklich realistische Chancen hätte, die Präsidentschaftswahl zu gewinnen. Trump hat dieses Jahr eine Chance von 32%, Florida zu gewinnen. Ein Sieg in Florida ist dieses Jahr ebenfalls essentiell für Trump und in diesem Staat, anders als in Ohio oder Texas hält Biden in den Umfragen eine Führung von in etwa zwei Prozentpunkten. Bei einer Niederlage in Florida würden die Chancen von Trump auf weniger als 1% absinken (mit impliziertem Sieg in Texas und Ohio auf etwa genau 1%), die Wahl doch noch zu gewinnen – also es gibt für Trump so gut wie keinen Weg, die Wahl zu gewinnen, ohne Florida, Texas und Ohio zu gewinnen, während Biden sogar bei einer Niederlage in allen drei Staaten immer noch der Favorit auf dem Wahlsieg mit einer Siegchance von 59% wäre.

Trump müsste des Weiteren kleinere Staaten wie Iowa und Georgia gewinnen, doch der Tipping Point der Wahl schlechthin wäre Pennsylvania, ein Bundesstaat, in dem Trump aktuell allerdings lediglich eine Siegchance von 13% besitzt, da er in den Umfragen über fünf Prozentpunkte hinter Biden liegt. Verliert Trump Pennsylvania, sinken seine Chancen, die Wahl zu gewinnen, wie ähnlich bei den anderen oben erwähnten Staaten Texas, Ohio und Florida auf 2%. Auch hier gibt es wiederum kaum einen Weg zum Wahlsieg oder den Sieg in diesem Bundesstaat. Anders als bei den oben erwähnten Staaten würde allerdings alleine der Sieg Trumps im Bundesstaat Pennsylvania seine Siegchancen auf 64% ansteigen lassen – Trump wäre nun klarer Siegfavorit. Rechnet man mit einem Sieg in Ohio, Texas, Florida und Pennsylvania wäre Trump nun mit 87% favorisiert.

Also wird man besonders an den ersten Auszählungen in Pennsylvania wohl sehr gut ablesen können, ob Trump eine Chance hat, die Wahl zu gewinnen und ob er wieder einen Überraschungssieg wie 2016 landen kann. Ein möglicher Sieg Pennsylvanias würde quasi als Indikator dienen, da dies auch bedeuten würde, dass Trump in anderen Staaten mehr Stimmen erhalten hat, als vermutet.Allerdings sollte man hierbei auch darauf verweisen, wie unrealistisch ein solches Szenario wäre. Trumps Sieg Pennsylvanias hat für sich genommen nur eine Wahrscheinlichkeit von 13% und für einen generellen Wahlsieg müsste er viele weitere Staaten gewinnen. Es ist auch unwahrscheinlich, dass ihm ein Coup in Wisconsin wie 2016 gelingen könnte – der Rückstand in den Umfragen beträgt mehr als acht Prozentpunkte und die Siegchancen von Trump in Wisconsin liegen bei 6%.

Also selbst falls Trump die US-Wahl gewinnen würde, wäre das Ergebnis mit großer Wahrscheinlichkeit ein sehr knappes und lange nicht so deutlich wie 2016. Ergebnisse wie 2016 sind extrem unwahrscheinlich und werden selbst bei einem Sieg Trumps kaum eintreten. Zudem sollte hier erwähnt werden, dass die Möglichkeit eines unentschiedenen Wahlausgangs mit 269 zu 269 – ein Ergebnis, das sich bei der aktuellen Spaltung der Gesellschaft in den USA sicherlich die wenigsten wünschen. Dieser Wahlausgang ist aber denkbar unwahrscheinlich, da er nur mit einer einzigen realistischen Kombination von Bundesstaaten möglich wäre.

„Blue Wave“ Szenario

Unter einem „Blue Wave“ Szenario ist normalerweise ein Ausgang der Wahl zu verstehen, bei dem Biden so eindeutig die Wahl gewinnt, dass nicht nur übliche Swing States gewonnen werden, sondern dass er auch mehrere sonst klar republikanische Staaten gewinnt. Dies ist so nicht wahrscheinlich, daher besteht mein “Blue Wave” Szenario lediglich aus einer Prognose, dass Biden alle Swing States für sich entscheidet – was alleine schon ziemlich unwahrscheinlich ist. Kernelement der blauen Welle ist aber ein Biden-Sieg in Texas und Ohio, wie in der Karte oben zu sehen ist – kleinere Staaten wie Iowa, Arizona oder Georgia könnten auch einzeln an Trump gehen und der Sieg Bidens wäre mit ungefähr 400 Electoral Votes immer noch vermutlich “Blue Wave” zu nennen. Dass Biden in den üblichen Swing States gewinnt, ist bei vielen Staaten relativ wahrscheinlich. Allerdings wird es schwer für ihn, alle dieser Staaten zu gewinnen – wie es z.B. in obiger Karte geschieht, dies liegt alleine schon an der geringen mathematischen Wahrscheinlichkeit, keinen einzigen dieser Staaten an Trump zu verlieren.

Zudem sind in der obigen Karte die normalerweise tief republikanischen Staaten, die Biden am wahrscheinlichsten noch gewinnen könnte nicht für ihn als blau eingezeichnet, nämlich genauer gesagt Montana und South Carolina. Die Wahrscheinlichkeiten, dass Biden diese Staaten gewinnt, ist laut Fivethirtyeight sehr gering (Montana: 14% und South Carolina: 9%). Dies würde die Karte dieses Szenarios noch unwahrscheinlicher machen, sodass ich mich entschieden habe, ein zwar weniger extremes, aber deshalb realistischeres Blue Wave Szenario hier zu diskutieren. Dennoch wäre die Karte dieser blauen Welle vermutlich ähnlich wahrscheinlich wie ein Sieg Donald Trumps, sodass die blaue Welle tatsächlich in der Wahlnacht eher ausbleibt.

Selbst falls dieses oben abgebildete Szenario eintritt, würde Biden das Electoral College lediglich mit 413 zu 125 Electoral Votes gewinnen – ein sehr unwahrscheinliches Blue Wave Landslide Szenario und auch selbst noch kein völlig extremes Szenario angesichts seiner großen Führung in nationalen Umfragen. Barack Obama hatte 2008 die Wahl mit 365 Electoral Votes gewonnen, Bill Clinton in den 1992 und 1996 mit 379 beziehungsweise respektive 370. Die letzte Wahl, die mit über 400 Electoral Votes gewonnen wurde, war die Präsidentschaftswahl 1988 zwischen Bush Sr. und Dukakis, die mit 426 zu 111 Votes ausging – ein vergleichbarer Ausgang wie oben abgebildetes Bild, nur mit umgekehrten Vorzeichen zwischen Republikaner und Demokraten und ein immer noch deutlicheres Ergebnis als selbst dieses unwahrscheinliche “Blue Wave” Szenario.

Es ist generell schwerer für Kandidaten der Demokraten, solche Landslide Victories zu erzielen, während Kandidaten der Republikaner dies öfter erreicht haben. Das Szenario der Wahl 1988 wurde bereits oben besprochen – die „Mutter aller Landslide Victories“ sind aber sicherlich die Siege Ronald Reagans – 1980 mit 489 zu 49 Electoral Votes und 1984 mit 525 zu 13 Wahlmännern im Electoral College. Solche Szenarien sind für die Wahl dieses Jahr undenkbar, wenngleich Biden die Marke von 400 Wahlmännern sehr wohl übertreffen könnte – er wird sie nur aller Voraussicht nach auf keinen Fall deutlich übertreffen, falls überhaupt, und er müsste Texas und Ohio gewinnen, damit diese Marke überhaupt erst einmal in greifbare Nähe rückt.

Eine Wahl mit vielen Hintergrundgeschichten

Über kaum eine US-Wahl wurden so viele unterschiedliche Dinge berichtet wie die Präsidentschaftswahl zwischen Biden und Trump am 03. November 2020. Dies begann bereits während der Vorwahlen der Demokraten, als sich viele die Frage stellten, welcher Kandidat „mittig“ genug sei, um gegen Trump zu gewinnen – insbesondere immer mit der Betonung, dass gerade Elizabeth Warren und Bernie Sanders das eventuell nicht seien. Die Vorwahlkampagne von Biden war primär auf zwei Dinge ausgerichtet: seine „Electability“ in der Wahl gegen Trump für Bürger der Mitte und seine Fähigkeit, die Zeit der Obama-Ära wieder aufleben zu lassen (nicht zuletzt, da er acht Jahre lang Obamas Vizepräsident war). Der Ausgang der Vorwahlen ist bekannt: Nach einem anfänglichen Strohfeuer von Bernie Sanders in Staaten wie Iowa, New Hampshire und Nevada, drehte sich der Wind am 29. Februar, als Vorwahlen in Bidens stärksten Staaten wie South Carolina und Alabama anstanden. Biden übernahm die Führung und gab sie bis zum Ende der Vorwahlen nicht wieder ab. Im Gegenteil, er baute sie stetig aus und wurde eindeutig zum Präsidentschaftskandidaten der Demokraten gewählt.

Die Trump-Seite der Geschichte der Wahl 2020 beinhaltet in vielen Berichten nicht unbedingt eine Berichterstattung zur diesjährigen Wahl, sondern zur Wahl 2016, als ihm einer der überraschendsten Wahlsiege der jüngeren US-Geschichte bei Präsidentschaftswahlen gelang. Dies hatte insbesondere Auswirkungen, da nach der Wahl – teilweise zurecht – Medienanstalten für ihre Prognosen zur letzten Wahl kritisiert wurden. Allerdings führte es auch dazu, dass politische Kommentatoren viel zu oft auf die Wahl 2016 verweisen und suggerieren, die Wahl 2020 könnte genauso laufen. Dies ist, offen gesagt, eine unseriöse und unprofessionelle Beurteilungsbasis, da es deutlich fundierter ist, jahrzehntelange Daten aus vorangegangenen Wahlen zur Prognose der diesjährigen Wahl zu nutzen, anstatt ein zweites Trump/Clinton- Szenario mit einmal mehr und einmal weniger Evidenz in Artikeln herbeizureden. Aber dazu später mehr, wenn wir uns die Lehren aus der Wahl 2016 genauer ansehen.

Eine dritte Komponente sind die Sorgen um den Zustand oder sogar den Fortbestand der Demokratie in den USA abhängig vom Wahlausgang. Sowohl ein Trump-Sieg als auch ein knapper Wahlausgang werden von vielen problematisch gesehen – insbesondere Letzteres könnte zu einer Destabilisierung führen, falls Trump den Ausgang der Wahl nicht akzeptiert.

2016 und das Dilemma von Wahlprognosen

Oft ist insbesondere von Trump-Anhängern zu hören, dass bezogen auf die Präsidentschaftswahl 2016 die Umfragen bzw. die Wahlprognosen falsch waren. Dies ist pauschal betrachtet weder richtig noch falsch. Einige gehen in ihren Aussagen jedoch noch weiter und entwickeln absurde Verschwörungstheorien, wie zum Beispiel, dass die Medien absichtlich falsche Umfragen mit zu hohen Werten für Hillary Clinton vor der Wahl veröffentlicht hätten. Die Wahrheit ist, dass die Umfragen falsch lagen, aber die Wahrheit ist eben auch, dass die Umfragen nicht falsch waren. Fivethirtyeight.com um Nate Silver berichtete bereits mehrere Tage vor der US-Wahl, dass Trumps Rückstand zu Clinton in den Umfragen lediglich die Größe der normalen Ungenauigkeit von Umfragen habe. Da es sehr nahe liegt, dass die Umfragen diese Ungenauigkeit aufwiesen, kann hier von einem Umfragefehler gesprochen werden. Allerdings ist es genauso falsch, die Umfragen generell als falsch darzustellen, ohne irgendwelche Argumente – beispielsweise bezüglich der Methodik der Umfragen – zu liefern. Umfragefehler sind inhärent, das heißt, sie werden auch in Zukunft passieren – in beide Richtungen. Was allerdings richtig ist: Die Wahl 2016 zeigte eine der größten Umfrageungenauigkeiten in der jüngeren US-Geschichte.

Zudem sollte man beachten, dass oftmals in den Medien nationale Umfragen zitiert werden. Diese Umfragen entsprechen dem Popular Vote der Wahl, also dem Zusammenzählen aller abgegebener Stimmen ohne Electoral College. Dieser Popular Vote würde von Hillary Clinton am Ende ja auch mit zwei Prozentpunkten Vorsprung gewonnen. Die Diskrepanz zwischen dem Popular Vote und dem Ergebnis des Electoral College wird als Electoral College Advantage bezeichnet. In jüngster Zeit fiel das Electoral College Advantage fast immer zugunsten der Republikaner aus. Die besonders bekannten Fälle sind Siege des Popular Vote bei gleichzeitigem Verlieren der US-Präsidentschaftswahl an sich, ein Phänomen, das nicht nur 2016 bei Trump/Clinton, sondern auch 2000 bei Bush/Al Gore eintrat. 2016 konnte Trump sogar recht deutlich das Electoral College gewinnen (304 zu 227), sodass er vermutlich selbst bei einem noch höheren Abstand beim Popular Vote die Wahl knapp hätte gewinnen können. Ein mathematisch sehr vergleichbarer Fall zu 2016 stammt aus dem Jahr 1888, als die Demokraten mit 49% zu 48% knapp den Popular Vote gewannen, allerdings im Electoral College mit 42% zu 58% bei den Electoral Votes hinten lagen. Es ist 2020 nicht unrealistisch, wenn auch unwahrscheinlich, dass die Demokraten bei einem gleichzeitigen Wahlsieg von Donald Trump den PopularVote mit 5 Millionen Stimmen Abstand gewinnen könnten. Möchte man den wahrscheinlichen Vorteil der Republikaner durch das Electoral College quantitativ ausdrücken, so erscheinen oft 2-3% Rückstand im Popular Vote in den meisten Abschätzungen, die die Republikaner alleine aufgrund des Wahlsystems ausgleichen könnten.

2016 gab es allerdings noch eine dritte Entwicklung, nämlich eine Veränderung der Umfragewerte zugunsten von Trump in der letzten Woche vor der Wahl. Dies wurde von vielen kaum beachtet oder als irrelevant deklariert, da man sich bereits sicher war, dass ein Sieg Clintons sicher sei. Ohne diese Entwicklung hätten vermutlich selbst die durch den Umfragefehler unterschätzte Unterstützung für Trump und der Vorteil der Republikaner durch das Electoral College nicht ausgereicht, um Trump zu einem Wahlsieg zu verhelfen. Zudem konnte – zumindest bezogen auf einige Umfragen – Trump diesen Aufwärtstrend bis zum Wahlsieg selbst nach den letzten bekannten Umfragen ausbauen, um sich somit den den Platz im Weißen Haus recht deutlich zu sichern.

Was ist also aus 2016 zu lernen? Lagen damals die Experten mit ihren Einschätzungen zur US-Wahl falsch und sollte die Methodik einer guten Wahlprognose fundamental geändert werden? Die Antwort auf diese Frage ist ein ganz eindeutiges „Nein“!

Anders als bezüglich der Umfragen gab es 2016 sehr wohl schlecht erstellte Wahlprognosen, die völlig unrealistische Wahrscheinlichkeiten für die beiden Kandidaten suggerierten. Teilweise aus anderen Gründen gibt es diese Prognosen 2020 auch. Der Unterschied zwischen Umfragen und Prognosen ist, dass die Umfrage sich entweder auf den Popular Vote oder auf die Stimmenanteile innerhalb der einzelnen Bundesstaaten beziehen. Prognosen hingegen haben meistens das Ziel, Siegwahrscheinlichkeiten zu berechnen – oftmals für die gesamte Wahl, aber auch auf der Ebene einzelner Bundesstaaten.

2016 prognostizierte Nate Silver, der wohl renommierteste Ersteller von Prognosen über US-Wahlen, am Wahltag eine Siegwahrscheinlichkeit für Trump von etwa 30% und lag damit deutlich höher als andere. Nun ist seine Prognose nicht unbedingt besser, nur weil dieser Fall eingetreten ist. Allerdings gab es, wie oben aufgezeigt zahlreiche Gründe, die für Trump sprachen und welche die Unsicherheit über den Ausgang der Wahl deutlich erhöhten. 30% Siegwahrscheinlichkeit entsprechen etwa der Wahrscheinlichkeit, mit zwei Würfeln eine 6 oder 7 zu würfeln – für jeden, der schon einmal Monopoly gespielt hat, dürfte klar sein, dass wir hier nicht von einem unrealistischen Szenario sprechen. Daher war der Wahlsieg von Trump auch streng genommen keine Überraschung, lediglich der Sieg eines Außenseiters.

Da diese Prognosen meistens mit Umfragen mit oben beschriebenem Fehler gefüttert wurden, hatte dies natürlich oft einen Einfluss auf ihr Ergebnis – außer der mögliche Umfragefehler wurde zumindest im Rahmen des Möglichen und Sinnvollen (wie bei Nate Silver und Fivethirtyeight) berücksichtigt.

Ein weiterer Aspekt bezüglich Wahlprognosen ist die Grundlage der Daten, auf denen sie erstellt wurden. Oft handelt es sich dabei um statistische Modelle, die in Teilen sogar wie bei Nate Silver Machine-Learning-Elemente beinhalten. Das heißt, dass ein bestimmtes Modell nicht von einem Entwickler erstellt wurde, sondern sich aufgrund eines festgelegten Algorithmus selbst anpassen und verbessern kann – das Modell „lernt“ quasi von den Daten, mit denen es gefüttert wird und besitzt die Fähigkeit, sich dynamisch anzupassen.

Dennoch sind alle Modelle abhängig davon, auf welcher Datenbasis sie erstellt wurden – egal, ob ein Mensch ein unveränderliches Modell aufgrund gewisser Daten und Annahmen erstellt hat oder ob eine Maschine ein Modell aufgebaut hat. Gerade die Wahl 2020 zeigt den aberwitzigen Charakter einiger Modelle der ersten Art, ganz besonders bei Modellen, die aufgrund der Wirtschaftslage das Wahlergebnis vorhersagen möchten. Gerade aufgrund des sehr stark negativen Wirtschaftswachstums in einigen Monaten dieses Jahres sagen einige dieser Modelle in ihren Berechnungen voraus, dass Biden die Wahl mit mehreren tausenden Stimmen Vorsprung bei den Electoral Votes gewinnen würden – ein natürlich völlig lächerliches Ergebnis, da das Electoral College lediglich zu 538 Electoral Votes fähig ist.

Ein spezieller Aspekt sollte hier besonders beachtet werden. Dazu ist vorher eine kurze Erklärung notwendig, wie das Erstellen eines Modells normalerweise funktioniert und wie zwischen Training Data und Test Data zu unterscheiden ist. Training Data bezeichnet in diesem Fall oft einen Datensatz aus der Vergangenheit (z.B. die letzten 10 US-Präsidentschaftswahlen), aufgrund dessen entweder ein Mensch gewisse Gleichungen zur Berechnung des Wahlergebnis erstellt oder aufgrund dessen mittels Machine Learning ein Modell trainiert, also angepasst, wird. Daher auch der Name Training Data. Test Data würde in diesem Fall die Frage bezeichnen, wie gut dieses Modell die US-Wahl 2020 vorhersagen könnte. Dabei ist es gerade kein Argument, zu behaupten, dass Modelle, die vergangene Wahlen am besten erklären, die Wahl 2020 am besten vorhersagen könnten. Das Phänomen, ein Modell perfekt an vorhandene Daten der Vergangenheit anzupassen und damit vorhersagende Kraft zu verlieren, wird auch als Overfitting bezeichnet – das Übertreiben der Anpassung an vergangene Daten und ein zu geringer Fokus auf die Qualität von Prognosen, die aus dem Modell abgeleitet werden können. Man unterscheidet hier auch Descripitive Analytics und Prescriptive Analytics – die Vorhersage einer Wahl fällt in letzteren Bereich, daher ist es sekundär, wie sehr gewisse Modelle vergangene Wahlen im Nachhinein erklären können.

Wieso ist das wichtig, wenn wir über die US-Wahl 2020 reden? Insbesondere weil einige Stimmen nun eine spezielle Anpassung an die Geschehnisse bei der Wahl 2016 fordern. Das ist eine gefährliche Strategie, da es die Daten aus einer einzigen US-Präsidentschaftswahl tendenziell überhöht, wobei es deutlich wahrscheinlicher ist, dass sich in der Gesamtheit der zehn US-Präsidentschaftswahlen zuvor mehr für eine Prognose wertvolle Daten befinden als in den Daten einer einzelnen Wahl. Unter anderem werden besondere Szenarien – wie beispielsweise die hohe Abweichung der Umfragen vom tatsächlichen Wahlergebnis – völlig überhöht, anstatt sie als eine unwahrscheinliche Ausprägung des ganz normalen Phänomens von Umfragefehlern zu betrachten.

Diese Tendenz beruht sicherlich auch darauf, dass sich einige Medien vor den US-Präsidentschaftswahlen dazu haben hinreißen lassen, völlig absurde Wahrscheinlichkeiten für einen Sieg Clintons zu äußern – insbesondere teilweise sogar Werte über 95% oder sogar mehr. In diesen Modellen und Einschätzungen wurden Dinge, wie beispielsweise mögliche Umfragefehler oder eine Veränderung der Meinung innerhalb der letzten Woche drastisch unterschätzt und der Versuch, 2020 darauf zu reagieren, endet oft in einer Überkorrektur und einer Überschätzung der Siegchancen von Donald Trump – nicht nur in den Medien, sondern auch in der politisch interessierten Bevölkerung. Gerade die Entwicklung der letzten Tage vor der Wahl aus 2016 ist für 2020 unwahrscheinlich, da 2016 ein großer Teil der Wähler weder Trump noch Clinton gut fand. Besonders diese Wähler haben zu einem großen Teil schlussendlich Trump gewählt, der von einer generellen Wechselstimmung nach 8 Jahren Amtszeit des demokratischen Präsidenten Obama profitieren konnte. 2020 ist der Anteil der Wähler, die sowohl Biden als auch Trump schlecht finden, deutlich geringer und Trump kann als Amtsinhaber kaum auf eine Wechselstimmung aus diesem Lager hoffen; diese Stimmung würde eher eine Wahl Bidens nahelegen. Dieses spezifische Phänomen und die Unterschiede dabei zwischen 2016 und 2020 sind ein gutes Beispiel, warum die speziellen Daten zu einer einzigen US-Präsidentschaftswahl nicht unbedingt auf eine andere übertragbar sind, selbst wenn es die direkt nachfolgende ist. Dieses Phänomen, dass man eine Prognose zu sehr auf einen stark von der Regel abweichenden Wert aufbaut (in diesem Fall die Wahl 2016), nennt im Fachjargon Outlier Bias.1

Also zusammengefasst: Bewegungen, Abweichungen und Fehler in Umfragen werden oft unter- oder überschätzt (siehe 2016 vs. 2020). Außerdem wird suggeriert, der Ausgang der Wahl 2020 lasse sich am besten durch die Betrachtung der Wahl 2016 vorhersagen. Beides sind Ansichten, die meiner Meinung nach nicht zu sinnvollen Prognosen der US-Wahl 2020 führen. Zudem sollte man beachten, dass Modelle nicht „falsch“ sind, wenn Fälle eintreten, die eine 30-prozentige Wahrscheinlichkeit haben – es liegt in der Natur von Ereignissen, dass natürlich nicht nur solche mit Wahrscheinlichkeiten über 50% eintreten können.

Die Battleground States der US-Präsidentschaftswahl 2020

Iowa

Iowa ist eigentlich kein Staat, der bei US-Präsidentschaftswahlen eine große Rolle spielt. Der Staat ist eher dafür bekannt, dass die Iowa Caucuses die ersten Entscheidungen der Vorwahlen darstellen. Somit kommt besonders im Nachrichtenzyklus Iowa bei den Vorwahlen eine große Bedeutung zu, da durch das Ergebnis in diesem Staat ein Kandidat Momentum für die darauffolgenden wichtigeren Vorwahlen aufbauen kann.

Im Jahr 2020 schien es so, als könnte Bernie Sanders in Iowa den Grundstein für einen Erfolg bei den Vorwahlen legen – insbesondere auch, da der spätere Präsidentschaftskandidat der Demokraten Joe Biden in Iowa mit nur 13,7% eine so schlechte Performance hinlegte, dass er es selbst im Nachhinein als „gut punch“ bezeichnete.

Iowa ist einer der Staaten in den USA, in denen die Gesellschaft ethnisch weniger divers aufgestellt ist, etwa 90% der Einwohner sind Weiße. Generell kann man Iowa zu den anderen Staaten des mittleren Westens zählen, ist es doch insbesondere ein ländlicherer Bundesstaat. Dennoch konnten sich auch gerade in den Vorwahlen immer auch progressivere Kandidaten durchsetzen.

Aktuell gehört Iowa zu den Staaten, die nicht nur Battleground States sind, sondern bei denen die Frage, wer gewinnt, fast völlig offen ist. Trump hat – mit einem aktuellen Abstand zwei Prozentpunkten bei den Umfragen –  eine Chance von 62%, Iowa zu gewinnen. Ein nicht allzu knapper Trump-Sieg ist auch meine Prognose für den Ausgang der Wahl in Iowa am 3. November.

Prediction: Trump by 2-3%-points

Georgia

Georgia ist einer der klassischen Staaten, die keine typischen Swing States sind, allerdings bei gut abschneidenden Kandidaten der Demokraten auch immer mal wieder blau werden können. Für die Wahl 2020 gehört Georgia sicherlich zu den fünf knappsten Entscheidungen (mit Ohio, Texas, Iowa und Florida), wenn es nicht am Ende sogar das engste und spannendste Rennen der Wahlnacht werden könnte. Biden führt aktuell mit etwa einem Prozentpunkt Abstand in den Umfragen – also ein Szenario, dass der US-Amerikaner auch gerne Toss-Up nennt. Die Chancen von Trump, Georgia zu gewinnen liegen bei 43% – das heißt Biden ist zwar leicht favorisiert, aber es kommt schon nahe an ein ausgeglichenes Rennen heran.

Gegen Hillary Clinton hat Donald Trump diesen Bundesstaat noch mit etwa fünf Prozentpunkten Vorsprung gewonnen – ein relativ klarer Sieg. Auch vor der Wahl 2016 wurden die Chancen von Hillary Clinton, Georgia zu gewinnen als deutlich niedriger eingeschätzt als die Chancen von Biden in diesem Jahr. Der letzte Sieg der Demokraten in Georgia stammt aus dem Jahr 1992 von Bill Clinton, selbst Obama kam nie wirklich nahe an einen Wahlsieg heran. Fast vergleichbar mit Arizona handelt es sich bei Georgia also auch erst in den letzten Jahren um einen echten Battleground State für US-Präsidentschaftswahlen.

Dieses Jahr sollte man in diesem Rahmen sicherlich auch die Proteste und Unruhen in Atlanta, der Hauptstadt Georgias, erwähnen, welche die Monate vor der US-Wahl sehr geprägt haben und sich insbesondere am Fall Breonna Taylor aufgehangen hatten.

Meine Prognose ist ein knapper Sieg Trumps in Georgia, sodass noch einmal verhindert wird, dass mit Joe Biden zum ersten Mal seit über 25 Jahren ein Präsidentschaftskandidat diesen Bundesstaat für die Demokraten holen würde.

Prediction: Trump by <1%-points

Ohio

Ohio ist für viele der Inbegriff eines Swing States – kein republikanischer Präsident hat jemals die Wahl gewonnen, ohne Ohio zu gewinnen. Generell gab es seit 1860 lediglich viermal den Fall, dass ein Präsident die Wahl gewann, ohne Ohio zu gewinnen2. Daher ist auch seit Jahrzehnten in der Wahlberichterstattung oft zu hören: „Wer Ohio gewinnt, der gewinnt auch die Präsidentschaftswahl.“

Dieser Satz mag anekdotisch richtig sein, allerdings besteht gerade in der jüngeren Vergangenheit zwischen diesen Ereignissen kein kausaler Zusammenhang. Würde zum Beispiel dieses Jahr Trump Ohio gewinnen, würde seine Siegwahrscheinlichkeit für die gesamte Wahl von 10% auf 19% steigen – bei einem Sieg Bidens hingegen in Ohio stiege seine Siegwahrscheinlichkeit auf über 99% für die gesamte Wahl. Daher ist Ohio sicherlich einer der Battleground States in diesem Jahr – daher auch die starken Kampagnenaktivitäten der beiden Kandidaten in diesem Bundesstaat. Allerdings könnte dieses Jahr Ohio an Trump fallen und Biden trotzdem einen souveränen Wahlsieg einfahren.

Nach 2016 wurde sowieso infrage gestellt, ob Ohio heute wirklich noch als Swing State bezeichnet werden kann, da Trump den Staat sehr deutlich mit 8,1 Prozentpunkten Abstand zu Hillary Clinton gewann – und somit 2016 Ohio nicht wirklich ein Battleground State war. Allerdings könnte Bidens genereller hoher Vorsprung auf nationaler Ebene in diesem Jahr dazu führen, dass Ohio durchaus auch blau werden kann.

Demografisch betrachtet ist Ohio ein klassischer Staat des Nordostens. Ethnisch ist Ohio nicht wirklich pluralistisch, hat aber einen Anteil von etwa 13% Afroamerikanern. Massiv geprägt ist Ohio aber primär vom Niedergang der Industrien des amerikanischen Nordostens im sogenannten Rust Belt – sicherlich auch ein Grund, warum Trump mit dem versprochenen Jobwunder 2016 dort auf fruchtbaren Boden getroffen ist. Generell sind die Menschen Ohios gesellschaftspolitisch recht konservativ eingestellt, allerdings weniger als z.B. im Vergleich zu einem Staat wie Utah.

Das Rennen um den Bundesstaat Ohio zählt sicherlich zu den knappsten in diesem Jahr und auch zu den spannendsten, da es sich auch um immerhin 18 Electoral Votes handelt, die dort an den Sieger verteilt werden. Ich tippe darauf, dass Biden Ohio für sich entscheiden kann und damit wieder einmal der Sieger der Präsidentschaftswahl auch Ohio gewinnt.

Prediction: Biden by <1%-points

Florida

In der Wahlnacht 2016 spielte Florida eine zentrale Rolle, war es doch der erste ernst zu nehmende Indikator, dass Donald Trump sich auf dem Weg zu einem überraschenden Sieg befinden könnte. Sowohl die ersten Ergebnisse der Auszählung als auch die Momente, in denen Trump von den Medienanstalten als sicherer Sieger von Florida bekannt gegeben wurde, werden seit 2016 auf Plattformen wie Youtube – unter anderem auch von Trump-Fans – als die Momente verlinkt, in denen das Geschehen zweimal entscheidend bei der Berichterstattung in der Wahlnacht gekippt ist. Als sicher war, dass Trump Florida gewinnt, war nämlich klar, dass er nun der deutliche Favorit war, ins Weiße Haus einzuziehen – ein Szenario, das für viele überaus überraschend kam.

Auch im Jahr 2020 hat Florida eine zentrale Bedeutung. Allerdings würde ein Trump-Sieg in Florida alleine eine weitaus geringere Bedeutung als 2016 haben, würde es seine Siegwahrscheinlichkeit der Präsidentschaftswahl doch lediglich auf 29% nach oben treiben. Umgekehrt würde Joe Biden mit einem Sieg in Florida 99% Chancen auf den Wahlsieg haben – ähnlich wie bei einem Sieg Bidens in Ohio oder Texas. Grund für diesen Unterschied zu 2016 ist, dass es viel weniger verschiedene Kombinationen von Bundesstaaten für Trump gibt, mit denen er realistisch gewinnen kann. Außerdem schlüpfte Florida in der Wahlnacht 2016 nicht alleine in den Berechnungen der Analysten in die Rolle eines Tipping Points, sondern es war ein besonders bedeutendes Ergebnis, das allerdings in ein gutes Abschneiden Trumps in Staaten wie Pennsylvania, Michigan oder Arizona eingebettet war.

Aufgrund der schieren Größe Floridas ist die Bedeutung für die US-Wahl enorm, kann man dort doch 29 Electoral Votes sammeln. Damit ist Florida nach Texas der zweitgrößte aller diesjährigen Battleground States.

Florida ist in der jüngsten Historie ein klassischer Swing State. Das letzte Mal, dass ein Präsidentschaftskandidat ohne einen Sieg in Florida die Wahl gewann, war die Wahl 1992, als Bill Clinton dies erreichte. 2020 könnte hier nachfolgen, da Biden nicht auf einen Sieg Floridas angewiesen ist – allerdings ist er auch in diesem Bundesstaat leicht favorisiert. Die Rennen um den Sieg in Florida sind bei den jüngsten US-Wahlen denkbar knappe Entscheidungen gewesen. In den letzten fünf Wahlen fiel die Entscheidung viermal innerhalb von drei Prozentpunkten, zweimal (2012 und 2000) sogar mit weniger als einem Prozentpunkt. 2000 kam es sogar zu einer Nachzählung der Stimmen in diesem Bundesstaat, ausgelöst durch eine Entscheidung des Florida Supreme Courts, welche dann allerdings vom U.S. Supreme Court gestoppt wurde. Letztendlich wurde George W. Bush der Sieg mit nur 537 Stimmen Vorsprung zugesprochen – bei fast 6 Millionen insgesamt abgegebener Stimmen ein extrem knappes Ergebnis. Diese umstrittene Nachzählung und insbesondere die bis heute umstrittene Entscheidung ist ein Beispiel dafür, wie stark die Judikative der USA in Wahlen eingriefen kann. Letztendlich war die Entscheidung um den Gewinn der Electoral Votes in Florida 2000 das entscheidende Zünglein an der Waage für den Wahlsieg von George W. Bush. Gerade wenn über mögliche knappe Szenarien des Wahlausgangs in diesem Jahr diskutiert wird und wenn ein mögliches Eingreifen verschiedener Institutionen, insbesondere des Supreme Court, in solche Entscheidungen diskutiert wird, wird das Szenario aus 2000 immer wieder erwähnt. Auch wenn ein knappes Rennen in nationaler Hinsicht dieses Mal eher unwahrscheinlich ist, so wird dieses Thema seit Wochen im Nachrichtenzyklus der USA immer wieder besprochen – wie gesagt, oft mit dem Verweis auf die Geschehnisse in Florida im Jahr 2000.

Schaut man sich die jüngste Geschichte an, gibt es viele knappe Entscheidungen, auch wenn diese in ihrer Knappheit nicht an das Ergebnis 2000 heranreichen. 2016 ging der Sieg mit nur knapp einem Prozentpunkt Abstand auch nur knapp an Donald Trump, was natürlich den Erfolg in Florida nicht weniger bedeutungsvoll machte. Aktuell hat Trump auch gute Chancen, Florida wieder zu gewinnen. Diese liegen nämlich bei etwa 35%. Die Umfragen sind mit einem Unterschied von zwei Prozentpunkten denkbar knapp.

Ich denke allerdings, dass genauso wie 2016 der Sieg Floridas Trump den Weg zum Sieg der Präsidentschaft geebnet hat, dies 2020 analog bei Joe Biden passieren wird. Ich gehe davon aus, dass Florida 2020 mit einem knappen Ergebnis blau werden wird.

Prediction: Biden by 2-3%-points

North Carolina

North Carolina war insbesondere in den letzten zwei Jahrzehnten ein klassischer Swing State und auch für die Kampagnen der Präsidentschaftskandidaten ein typischer Battleground State. Obwohl die Sieger des Bundesstaates vornehmlich Republikaner waren (bis auf Obama 2008), waren die Ergebnisse oft knapp und das Rennen in diesem Bundesstaat bis zum Ende hin spannend. Das ist dieses Jahr in diesem Bundesstaat, in dem 15 Electoral Votes zu vergeben sind, nicht anders. Biden führt zwar in den Umfragen mit etwa zwei Prozentpunkten Vorsprung, aber dies deutet auf ein knappes Rennen am Wahltag hin. Die Siegchancen von Trump betragen etwa 35% und damit ist Biden in einer klaren Favoritenrolle, aber es wird bis zum Ende der Auszählung dennoch eng werden.

North Carolina ist traditionell recht konservativ geprägt, gerade im Bereich der Gesellschaftspolitik, allerdings nicht so stark wie das südlich angrenzende South Carolina. Im Jahr 2016 gewann Trump hier mit fast vier Prozentpunkten Vorsprung vor Hillary Clinton recht klar, allerdings wird sich das meiner Meinung nach 2020 so nicht wiederholen. Ich prognostiziere einen knappen Sieg von Joe Biden, der damit dem Erfolg Obamas 2008 gegen John McCain nacheifern könnte.

Prediction: Biden by 2-3%-points

Texas

Texas ist historisch gesehen selten Battleground State gewesen, entwickelt sich allerdings immer mehr zu diesem – primär durch Migrationsbewegungen nach Texas aus anderen Bundesstaaten oder aus anderen Ländern wie z.B. Mexiko. Jimmy Carter war 1976 der letzte demokratische Präsidentschaftskandidat, der Texas gewann. Generell war Texas durchaus in seiner Historie bis in die 1960er-Jahre eher ein blauer Staat als ein roter Staat.

2016 gewann Donald Trump Texas mit neun Prozentpunkten Vorsprung. Der Staat war also auch hier kein wirklicher Battleground State. Dies könnte sich allerdings 2020 ändern und es ist nicht unwahrscheinlich (39%), dass Biden Texas gewinnen könnte.

Bereits bei der Senats-Wahl 2018 zwischen Ted Cruz und Beto O’Rourke wurde darüber spekuliert, ob zumindest bei dieser Wahl Texas blau werden könnte, insbesondere im Zuge des Momentums der Mid-Term-Wahlen, bei denen die Demokraten staatenübergreifend sehr erfolgreich waren. Allerdings hatte Ted Cruz am Ende mit seiner Einschätzung recht, dass zwar immer wieder spekuliert wird, ob Texas blau werden könnte, es am Ende aber dann doch immer rot bleibt und die Republikaner gewinnen.

Die Präsidentschaftswahl 2020 könnte diesen Trend brechen, da dieses Mal die Chancen für ein blaues Texas sehr gut stehen und sehr wohl im Rahmen des Möglichen liegt, dass Biden hier die 38 Electoral Votes abgreifen kann, liegt er doch aktuell nur mit etwa zwei Prozentpunkten hinter Trump in den letzten Umfragen zurück. Allerdings denke ich, dass auch dieses Mal die Aussage von Ted Cruz 2018 eintreten wird: Es wird darüber spekuliert, dass Texas blau werden könnte, es bleibt aber dann doch rot. Auch wenn Texas sicherlich eines der spannendsten Rennen der Wahlnacht werden könnte und es eventuell bis zum Ende der Auszählung in diesem Bundesstaat spannend bleibt.

Prediction: Trump by 1-2%-points

Arizona

Die Entwicklung der Wahlergebnisse in Arizona ist sicherlich eine der spannendsten Geschichten der letzten US-Wahlen. Hatte Obama noch selbst bei seinen überlegenen Siegen 2008 und 2012 so gut wie keine Chance, Arizona zu gewinnen, so konnte Trump hier 2016 nur noch einen knappen Sieg einfahren. Besonders die Szenarien, die Wahlsiege von Hillary Clinton 2016 prognostizierten, rechneten damit, dass Arizona schon 2016 hätte blau werden können – ein Ereignis, das seit Bill Clintons Sieg 1996 nicht mehr eingetreten ist. Abgesehen von dieser Ausnahme 1996 muss man sehr lange zurückgehen, bis man wieder einen Sieger der Demokraten in diesem Bundesstaat findet, genauer gesagt bis zum Wahlsieg Harry Trumans 1948.

Arizona ist also erst in den 2010er-Jahren zu einem echten Swing State geworden und zählt 2020 definitiv zu den knappsten der Battleground States. Im Kampf um die elf Electoral Votes hat Biden in den Umfragen einen relativ knappen Vorsprung von lediglich drei Prozent, ein dennoch recht klarer Vorsprung für einen Staat, der so lange nur republikanische Sieger gesehen hat, selbst bei Präsidentschaftswahlen, die die Demokraten deutlich gewonnen haben.

Die Siegchancen von Donald Trump stehen mit 29% dennoch nicht niedrig und es könnte so sein, dass Arizona am Ende doch wieder rot wird. Allerdings glaube ich, dass nun 2020 in Arizona das passiert, was 2016 von vielen schon vermutet wurde, nämlich der zweite Sieg eines demokratischen Kandidaten in 70 Jahren. 2020 ist dieses Szenario auch noch einmal deutlich wahrscheinlicher als 2016, als Hillary Clinton nicht wirklich in Arizona favorisiert war. Dennoch könnte sich Arizona auch bei kommenden Wahlen als Swing State etablieren. Für 2020 sehe ich aber zunächst einmal einen recht knappen Sieg für Joe Biden in diesem Bundesstaat.

Prediction: Biden by 3-4%-points

Pennsylvania

Wenn bei der US-Wahl ein Staat als der Tipping Point prognostiziert werden kann, an dem sich die Wahl in die eine oder andere Richtung entscheidet, dann ist es Pennsylvania. Der Staat hat eine Chance von 36,2%, der entscheidende Staat schlechthin für die diesjährige Präsidentschaftswahl zu sein. Ein Sieg in Pennsylvania würde Trumps Chancen auf 63% ansteigen lassen, seine Präsidentschaft zu verteidigen – ein Sieg Bidens in Pennsylvania würde dessen Chancen auf 98% erhöhen, Trump abzulösen. Der Staat ist also nicht nur für einen der beiden sehr entscheidend, sondern für beide, was unter anderem an der hohen Anzahl an Electoral Votes liegt (20), aber vor allem daran, dass kein Staat mehr zum Indikator dient, wie die US-Wahl am Ende ausgehen wird. Also kann ich jedem in der Wahlnacht nur empfehlen, ein ganz besonderes Auge auf diesen Bundesstaat zu haben.

Auch 2016 war Pennsylvania bereits einer der wichtigsten Battleground States, den Donald Trump am Ende nach einer langen Wahlnacht und einem engen Rennen zwischen ihm und Clinton mit weniger als einem Prozentpunkt Vorsprung bei den Stimmen für sich entscheiden konnte. Damals war sicherlich Florida noch mehr Tipping Point der Wahl, allerdings zählte Pennsylvania zu den zentralen Swing States – wie auch bei sehr vielen US-Wahlen zuvor. Pennsylvania ist historisch gesehen ein eher blauer Staat, insbesondere konnte Obama 2008 hier einen deutlichen Sieg einfahren und sowohl Al Gore als auch John Kerry haben bei ihren Wahlniederlagen gegen George W. Bush den Staat gewinnen können. Allerdings gibt es viele Republikaner, die auf ihrem Weg ins Weiße Haus – ähnlich wie Donald Trump 2016 – einen knappen Sieg in Pennsylvania einfahren konnten, unter anderem George H. W. Bush im Jahr 1988.

In den letzten Jahren hat sich Pennsylvania sicherlich zu einem immer unsichereren Staat für Demokraten entwickelt und ähnlich wie in Ohio konnte Trump 2016 hier durch seine versprochenen wirtschaftspolitischen Änderungen punkten, da viele Teile Pennsylvanias vom wirtschaftlichen Verfall im Rust Belt betroffen sind, nicht zuletzt Städte wie Pittsburgh. Über die Jahre hat sich der Staat immer mehr zu einem Swing State entwickelt. Joe Biden führt zwar mit etwa fünf Prozentpunkten in den aktuellen Umfragen. Allerdings ist dies kein komfortabler Vorspung, sondern einer, den Trump sehr gut noch aufholen kann, auch wenn seine aktuellen Siegchancen für Pennsylvania lediglich bei 14% liegen.

Ich denke jedoch, dass der Vorsprung Bidens am Ende einfach zu groß ist, als dass dass Trump diesen Staat erneut gewinnen kann und – je nachdem wie schnell die Auszählung erfolgt – könnte ein klarer Trend in diesem Bundesstaat auch die Hoffnungen Trumps in der Wahlnacht relativ schnell erlöschen lassen. Pennsylvania ist sicher ein Battleground State, aber schlussendlich prognostiziere ich hier einen klaren Sieg für Joe Biden.

Prediction: Biden by 5-6%-points

Nevada

Wer die Vorwahlen im Frühjahr verfolgt hat, der konnte auch die Berichte verfolgen, die oft schon davon gesprochen hatten, dass Joe Biden nach der Vorwahl in Nevada seinen Rückzug erklären könnte. Bernie Sanders war in diesem Bundesstaat stark favorisiert – eine Favoritenrolle, der er auch gerecht wurde, als er 40,5% der Stimmen gewann. Bidens auf den ersten Blick klare Niederlage mit nur 18,9% der finalen Stimmen wurde damals allerdings schon von Beobachtern der Vorwahlen wie unter anderem Nate Silver als erstes Zeichen dafür gewertet, dass Joe Biden sich gut genug im Rennen bis zum Super Tuesday halten könnte und dort dann die Gemengelage zu seinen Gunsten drehen könnte – ein Szenario, das sogar noch viel deutlicher auftrat, als es vermutet werden konnte.

Genau wie man es von einem starken Staat von Bernie Sanders erwarten könnte, gilt Nevada durchaus als in weiten Teilen progressiv geprägter Bundesstaat, in dem dennoch genügend konservative Kräfte vorhanden sind, um es bei der General Election eng werden zu lassen. Der US-Laie verbindet Nevada logischerweise oftmals mit Las Vegas und dem Image dieser Stadt, wobei der Bundesstaat selbstverständlich gerade in ländlicheren Gebieten deutlich diverser aufgestellt ist.

Nevada ist durchaus ein Battleground State der US-Wahl 2020, wenn auch mit klarer Favoritenrolle für Joe Biden. Er führt aktuell mit einem Abstand von etwa sechs Prozentpunkten in den Umfragen und Trump besitzt lediglich eine 13% hohe Chance, den Bundesstaat zu gewinnen.

Falls Trump einen seiner wahrscheinlicheren Bundesstaaten wie Pennsylvania, Florida oder North Carolina verliert, ist ein sehr unwahrscheinlicher Weg zum Sieg, der auch über Nevada führen müsste, vermutlich sein letzter Strohhalm auf dem Weg zu einem möglichen Wahlsieg. Nevada wird also vermutlich in der US-Wahl nur ein knappes Rennen werden, falls Trump einen starken Wahlabend haben sollte. Da ich davon nicht ausgehe und auch generell Nevada als ziemlich wahrscheinlich blau einschätzen würde, sehe ich hier einen klaren Sieg für Biden.

Prediction: Biden by 5-6%-points

Michigan

Michigan zählt wie Wisconsin zu den Staaten, die Donald Trump 2016 überraschend gewonnen hat, auch wenn sein Wahlsieg in diesem Bundesstaat, der dem Sieger 16 Electoral Votes einbringt, nicht so breit diskutiert wurde wie sein Wahlsieg in Wisconsin. Es war ein sehr knapper Sieg, lagen zwischen den beiden Kandidaten am Ende doch nur etwas mehr als zehntausend Stimmen Unterschied.

In diesem Bundesstaat hat sich die Situation seit 2016 sehr stark verändert. Joe Biden führt mit etwa neun Prozentpunkten die Umfragen an – eine Tatsache, die es fraglich macht, ob man Michigan überhaupt als Battleground State für die Wahl 2020 bezeichnen kann. Michigan stand auch immer wieder in den Nachrichten, als es um die Frage der Vizepräsidentinnen-Kandidatur neben Joe Biden ging. Ein Rennen, in dem der Gouverneurin Michigans Gretchen Whitmer gute Chancen zugerechnet wurden, auch wenn schlussendlich die Wahl auf Kamala Harris fiel.

Gerade die Hauptstadt Detroit wurde von der Finanz- und Wirtschaftskrise ab 2008 sehr hart getroffen und die Wähler in Michigan setzten 2016 sicherlich große Hoffnungen in die Wirtschaftspolitik Trumps, der gerade auch in einem der Rust-Belt-Staaten schlechthin ein Jobwunder versprach. Michigan war einer der Staaten, in denen besonders die Wähler, die weder Trump noch Clinton gut fanden, aber einen Politikwechsel wollten, Trump wählten – ein Stimmungsbild, das sich zu 2020 hin nun deutlich verändert hat. Die aktuellen Chancen von Trump, Michigan zu gewinnen, stehen bei 5%. Die Umfragen sehen einen aktuellen Rückstand von mehr als acht Prozentpunkten – daher vermute ich, dass Michigan ähnlich wie Wisconsin ein Bundesstaat sein wird, den Biden klar gewinnt und wo es dieses Mal kein spannendes Rennen bei der Auszählung wie noch 2016 geben wird.

Prediction: Biden by 7-8%-points

Wisconsin

Kein Staat steht mehr für den Überraschungssieg Trumps 2016 als Wisconsin. Trump, der als Außenseiter in die gesamte US-Wahl gegangen war, schaffte es, selbst in dem nicht als Swing State geltenden Wisconsin, Hillary Clinton am Ende zu übertreffen – ein Erfolg, der seit dem generell überragenden Triumph Ronald Reagans 1984 mit insgesamt 525 US-weit gewonnenen Electoral Votes und 49 von 50 Bundesstaaten, keinem Republikaner mehr gelungen war. Schlussendlich gewann Donald Trump den Staat mit etwas weniger als einem Prozentpunkt Vorsprung vor Hillary Clinton.

Insbesondere der Sieg Trumps in Wisconsin löste großes Lob für das Management seiner Wahlkampfkampagne aus – egal wie die einzelnen Kommentatoren auch zu ihm politisch standen – und fast noch mehr massive Kritik an Hillary Clinton und ihrem Team, für das Wisconsin das Sinnbild eines oft als völlig verfehlte Kampagne bezeichneten Wahlkampfes wurde.

Der Schock des Verlusts von Wisconsin 2016 sitzt bei den Demokraten immer noch tief, so sehr sogar, dass trotz aktueller guter Umfragewerte Joe Bidens für fast den gesamten Nordosten der USA (insbesondere seien hier Michigan und Minnesota erwähnt) eine gewisse, kaum rational begründbare, Alarmstimmung herrscht, getragen von der Angst der Demokraten, dass Trump in diesen Staaten wieder einige Überraschungssiege einfahren könnte.

Wisconsin ist ein relativ ländlich geprägter Staat, ethnisch wenig divers, mit einigen Universitätsstädten und dem Beinamen Frozen Tundra, der auf die extrem kalten Winter in einigen Gebieten dieses Bundesstaats hindeutet. Wisconsin zählt nicht mehr zum Rust Belt der USA, obwohl es nahe an Zentren des Rust Belts liegt wie z.B. Detroit in Michigan und obwohl die Stadt Milwaukee in Wisconsin durchaus auch von dem Niedergang der alten Industrien in diesem Teil der USA betroffen war.

Aktuell hat Joe Biden im Rennen um die zehn Electoral Votes des Bundesstaates Wisconsin einen recht komfortablen Vorsprung von acht Prozentpunkten in den Umfragen, was einen erneuten Sieg Trumps relativ unwahrscheinlich macht. Die Wahrscheinlichkeit eines Sieges Joe Bidens in Wisconsin beträgt 94%. Daher gehe ich auch nicht davon aus, dass dieses Mal in Wisconsin ein spannendes Rennen in der Wahlnacht stattfinden wird und glaube, dass Joe Biden diesen Bundesstaat klar und deutlich für sich entscheiden wird.

Prediction: Biden by 7-8%-points

Minnesota

Minnesota gehörte anders als Michigan und Wisconsin nicht zu den eigentlich eher blauen Staaten, die Trump 2016 gewinnen konnte – Hillary Clinton gewann letztendlich zwar knapp, allerdings mit gut 1,5 Prozentpunkten Vorsprung. Das letzte Mal, dass Minnesota an die Republikaner fiel, war 1972 unter Richard Nixon – selbst Ronald Reagan konnte Minnesota also nie gewinnen. 1984 war Minnesota sogar der einzige Bundesstaat, den Reagan nicht gewann.

Seitdem haben sich die Mehrheitsverhältnisse in Minnesota doch immerhin insoweit gewandelt, dass der Staat in einer knapperen Wahl durchaus ein echter Battleground State sein könnte, dies allerding 2020 aufgrund des großen Vorsprungs Bidens wohl nicht sein wird. Die Wahrscheinlichkeit, dass Trump die 10 Electoral Votes aus Minnesota gewinnt, ist mit 5% ähnlich hoch wie seine Siegwahrscheinlichkeiten in Wisconsin und Michigan – auch die Umfragewerte zeigen aktuell eine Differenz von acht Prozentpunkten auf.

Minnesota spielt auch aus anderen Gründen eine zentrale Rolle bei der diesjährigen Wahl, insbesondere aufgrund der Unruhen nach der Ermordung George Floyds durch die Polizei in Minneapolis. Diese Unruhen waren einer der Faktoren , die die nationale Stimmung im Sommer deutlicher pro Biden gelenkt haben als ursprünglich zu erwarten gewesen wäre. Minnesota ist auch der Bundesstaat von Senatorin Amy Klobuchar, die eine der größten Konkurrentinnen von Kamala Harris um die Kandidatur zur Vizepräsidentin war und die selbst in den Vorwahlen der Demokraten antrat.

Meine Prognose ist, dass es in Minnesota kein knappes Rennen geben wird. Ich würde sogar vermuten, dass aktuelle Umfragen Joe Biden in diesem Bundesstaat etwas unterschätzen und dass es am Ende ein deutlicherer Biden-Sieg als in Wisconsin und Michigan wird.

Prediction: Biden by 9-10%-points

Fazit

Die Wahl 2020 wird sicherlich interessant und spannend werden – allerdings dieses Mal eher im Kleinen (in verschiedenen Bundesstaaten, besonders die Rennen in Ohio und Texas) als im Großen. Dass Biden die Wahl gewinnt, steht nicht sicher fest, aber er hat definitiv deutlich bessere Chancen als Clinton 2016, die auch – zurecht – als Favoritin in die Wahlnacht ging.

Meine Prognose ist ein deutlicher Sieg von Biden mit 353 zu 185 Stimmen, aber keine echte „Blue Wave“, kein Landslide Victory – lediglich ein deutlicher Sieg, wie wir ihn schon in ähnlicher Form unter Obama und Bill Clinton hatten.

Ich bin auf jeden Fall auf den Ausgang der Wahl und auf die Geschehnisse in der Wahlnacht gespannt, wenn die ersten Ergebnisse aus den einzelnen Bundesstaaten eintreffen. Lasst uns gerne gemeinsam diskutieren, Prognosen und Argumente austauschen und eine spannende und interessante Wahlnacht haben, während wir sehen, wie sich die größte Demokratie der westlichen Welt zwischen Joe Biden und Donald Trump entscheidet!

  1. https://dataspace.princeton.edu/handle/88435/dsp012v23vw74w[]
  2. Grover Cleveland in den Jahren 1884 und 1892, Franklin D. Roosevelt im Jahr 1944 und John F. Kennedy im Jahr 1960[]

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