Die Klaviatur der Provokation

Die sozialen Medien sind das Brennglas des gesellschaftlichen und politischen Diskurses – allen voran Twitter. Doch dieser Diskurs birgt Gefahren. Nach der Entkräftung des Shitstorms als Kommunikationsstil muss sich nun jeder über die Verantwortung öffentlicher Kommunikation werden.

Bemerkungen über individuelle Verantwortung auf Twitter

Mit der Sperrung Donald Trumps vor einigen Tagen hat Twitter nicht nur den andauernden Fake News und verhetzenden Parolen des abgewählten US-Präsidenten einen vorläufigen Riegel vorgeschoben. Womöglich hat es auch ein Signal gesetzt, stärker den Bedenken Rechnung zu tragen, die es seit einigen Jahren gegenüber der Diskurskultur auf den sozialen Medien gibt. Diese haben sich sukzessiv, und nicht nur im Kontext der US-Politik, zu einem Raum für Radikalität, Hass, Hetze, Lügen und Manipulation entwickelt und stehen damit aus Sicht vieler Expert*innen und Beobachter*innen stellvertretend für die viel beschworene „Verrohung“ unserer politischen Kultur. Und diese Kultur machen sich nicht zuletzt Akteur*innen von Rechtsaußen zunutze, ob sie nun Trump oder Bolsonaro heißen, oder für die AfD aktiv sind. Extremistische Kräfte spielen am geschicktesten auf der Klaviatur der verkürzten, emotionalisierten, groben Sprache – und der Provokation. Lea Xenia (Redakteurin bei keepitliberal.de, Anm. d. Red.) hat dies in ihrem Artikel über den „Shitstorm als Kommunikationsstil“ (an den dieser Gastbeitrag lose anschließt) als „die „populistische Kontamination des politischen Mainstream-Diskurses“ bezeichnet.

Man beginge einen Fehler, reduzierte man die Problematik des enthemmten Diskurses, über die verstärkt wissenschaftlich geforscht und publiziert wird,1 einzig auf extremistische Akteur*innen mit einer entsprechenden Agenda. Vielmehr machen sich diese im Grunde lediglich besonders gekonnt die Diskurs- und Interaktionslogiken von Social Media zunutze, die es auch ohne sie gab und gäbe – zu denen wir alle, die wir uns regelmäßig auf Twitter bewegen, unseren Teil beitragen.

Twitter – Fluch oder Segen?

Ich erzähle zunächst niemandem etwas Neues, wenn ich darauf verweise, dass wir alle hier wohl den freien, ungehinderten Austausch schätzen, der uns eine Vielzahl an Informations- und Interaktionsmöglichkeiten gibt. Alles, was es dazu braucht, ist ein Smartphone, und schon kann man sich der ganzen Welt mitteilen. Das weitgehende Fehlen von intermediären bzw. regulierenden Instanzen, etwa wie das der Rüge mächtige Bundestagspräsidium oder die Redaktion, die dem Journalisten gewisse Regeln auferlegt, bevor er einen Artikel veröffentlichen kann, sorgt dafür, dass auf Twitter theoretisch jeder und jede von uns alles Mögliche veröffentlichen kann – und das schnell mit großer Reichweite. Das Problem ist: Die Algorithmen und die dem durchschnittlichen Social-Media-User inhärenten Aufmerksamkeitsökonomien sorgen dafür, dass Beiträge besonders viel Resonanz und Reichweite erhalten je zugespitzter und effekthascherischer, ja oft auch je radikaler sie ausfallen. Wer am meisten provoziert, seine Kritik am schärfsten formuliert, bekommt die meisten Likes und Interaktionen, die meiste Aufmerksamkeit. So weit, so bekannt. Das sind aber keine Naturgesetze; es sind WIR ALLE, die diese Logiken am Laufen halten. Indem wir beispielsweise Beiträgen, die uns emotional ansprechen, die hart und polemisch formuliert sind, durch unsere Likes und Retweets Aufmerksamkeit und Reichweite verschaffen. Auf diese Weise tragen wir alle in unterschiedlichem Ausmaß mit zu einer Kultur der Enthemmung bei – ohne, dass uns dies in der Regel bewusst ist. Aber wir tun es alle, weil wir die Plattform gleichsam automatisch genauso nutzen, wie es ihrem Charakter entspricht. Was wir dabei aber oft vergessen: Der freie Diskurs – wie im Grunde jede persönliche Freiheit – funktioniert nicht ohne Verantwortung, will sie nicht destruktiv wirken und den Diskurs vergiften. Jeder und jede mache einmal den Versuch und vergleiche sein oder ihr Kommunikationsverhalten und seine oder ihre Rezeption von Inhalten on- und offline.

Gerade User*innen mit großer Reichweite sollten sich daher, so eine meiner Thesen, ihre Likes, zumindest bei kontroversen Tweets, ganz genau so überlegen wie ihre eigenen Tweets. Wir unterschätzen das zu leicht: Wenn ich Beiträge lese, die meine Meinung widerspiegeln, werde ich sie oftmals auch dann liken, wenn sie scharf formuliert sind, das Gegenüber verhöhnen, beleidigen oder auf überzogenen Unterstellungen gebaut sind. Hier gilt es beispielsweise als fast normal, die inzwischen berüchtigte (wenn auch nicht ernst gemeinte) Vermutung aufzustellen, das kritisierte Gegenüber habe „Lack gesoffen“ – eine Aussage, die selbst in den an Niveau und Diskussionskultur nicht gerade reichen Abend-Talkshows einen Skandal auslösen würde. Auf Twitter haben wir so etwas gefühlt alle schon einmal von uns gegeben. Auch kann es hier schnell passieren, anderen Menschen, die vielleicht etwas Falsches posten, „Lüge“ zu unterstellen – ein Vorwurf, für den es im Bundestag eine saftige Rüge gäbe und der es schwer hätte, es unbelegt und ohne Umformulierung durch eine Redaktion zu schaffen. Denn es ist das eine, jemanden sachlich auf schwerwiegende Fehler in der Argumentation hinzuweisen; etwas ganz anderes ist es eigentlich, jemandem zu unterstellen, er oder sie wolle bewusst die Unwahrheit verbreiten. Mit solchen Differenzierungen hält man sich auf Twitter nicht lange auf, solange das Bedürfnis nach „klarer Kante“ bedient wird. Twitter hält noch unzählige zusätzliche Möglichkeiten bereit, den Diskurs zu verschärfen und das Gegenüber zu demütigen, was zum Teil dazu führen kann, dass so mancher Diskurs in einer Welle von Memes, Clown-Emojis sowie einem Wettbewerb um die originellste und sprachgewaltigste Diffamierung verschwindet. Man stelle sich mal die Sprache eines entsprechenden, kontroversen Twitter-Threads im Deutschen Bundestag, auf Podiumsdiskussionen, in abendlichen Talkshows oder in gängigen Printmedien vor.

Digitaler Faschismus

Auf Twitter aber gilt es als völlig normal, einen zuweilen extremen Umgangston an den Tag legen zu können, weil man die Interaktionen hier durchgehend als nicht durch Verantwortung formell gebundene Privatgespräche sieht. Was ja auch streng genommen stimmt. Aber in Parlamenten als Arenen der demokratischen Diskussion und in den etablierten (!) Medien als Organen der Information gibt es die beschriebenen regulierenden Instanzen ja nicht ohne Grund: sie sind dazu da, den Diskurs auf einem Niveau zu halten, der der Demokratie und der Meinungsbildung nicht schadet, Respekt, Toleranz, Faktentreue und Verständigung nicht verunmöglicht. Auf Twitter gibt es so etwas nicht; dort sind wir selbst dafür verantwortlich, wie der Diskurs sich entfaltet – und damit auch für seine Auswirkungen. In den letzten Jahren ist dies so schlecht gelungen, dass sich insbesondere extreme Kräfte (besonders von rechts) die Logiken des unregulierten, auf Aufmerksamkeit, Reichweite, Verkürzungen, Emotionen und Zuspitzungen basierenden Social-Media-Diskurses besonders haben zunutze machen können – Hass, Hetze, Verschwörungserzählungen, Lügen usw. „harmonieren“ prächtig mit den beschrieben Diskursumständen hier, wie dies u.a. Maik Fielitz und Holger Marcks zuletzt in ihrem Buch „Digitaler Faschismus“ gezeigt haben.2

Aber es ist nicht nur dieser “Digitale Faschismus”, nicht nur die extreme Rechte, die den Diskurs entsprechend vergiftet: wie hier auf Twitter der Umgangston aussieht, wie weit manche bei „Kritik“ gehen und wie schnell persönliche Anfeindungen selbst politische Sachdiskussionen dominieren, wissen die meisten von uns. Ich glaube aber nicht, dass wir alle schon wirklich verstanden haben, was dies für uns als Konsequenz bedeuten sollte:

Eigenverantwortung

Es reicht nicht, auf politische und rechtliche Regulierungen von Social Media zu hoffen, Rechtsextremismus zu verurteilen und selbst sachlich zu posten. Wir müssen auch verstehen, dass der Ton hier ganz grundsätzlich die Musik macht und wir alle – insbesondere „größere“ Accounts – dort mitspielen. Freie Diskurse funktionieren nur mit individueller Eigenverantwortung oder gar nicht – die Diskussionen über die Art und Schärfe politischer und rechtlicher Regulierungen der sozialen Medien können und sollten unabhängig davon und an anderer Stelle geführt werden. Wir müssen selbst an unserem Ton arbeiten und dürfen auch durch unsere Likes nicht dazu beitragen, dass sich das Rad des sich stetig radikalisierenden Diskurses weiter dreht. Das gilt natürlich auch für mich. Mangels Alternativen seien wir doch in Zukunft unsere eigenen „Gatekeeper“, unsere eigenen Chefredakteur*innen und überlegen – zumindest bei kontroversen und ernsten Themen – grundsätzlich vor jedem Tweet und vor jedem Like, welche Inhalte und welche Tonalität wir dadurch „pushen“ wollen. Denn es mag für sich erst einmal nur wie eine „einsame“ Entscheidung und im Einzelfall kleinlich wirken; es ist aber Teil des Gesamtbildes, denn wir bilden hier alle einen Teil des Diskurses ab und prägen ihn. Und eines leuchtet uns allen wohl sicher ein: Je mehr wir Unsachlichkeit im Austausch miteinander zurückfahren, desto sichtbarer wird das bessere Argument und desto gewinnbringender der Diskurs.

Man muss das, was ich geschrieben habe, jetzt nicht überbewerten. Und es verlangt auch niemand, dass wir in Zukunft nicht mehr klare Kante zeigen sollten, wenn es angemessen erscheint. Die Gratwanderung zwischen sachlichem und überzogenem Diskurs ist in der Praxis ohnehin schmal und von subjektiven Bewertungen abhängig; so etwas wie den im besten Sinne „politisch korrekten“ Social-Media-User gibt es nicht. Und das ist auch gut so (zumal es ohnehin für Niemanden durchzuhalten wäre). Die Logik der emotionalisierten, verkürzten Social Media-Debatten werden wir in unseren einzelnen Bubbles ohnehin nur bis zu einem gewissen Grad beeinflussen können. Dessen ungeachtet: So wie jetzt kann es nicht bleiben. Denn wir sehen seit Jahren, beispielsweise in den USA, wozu eine politische und diskursive Kultur führen kann, die auf enthemmter Sprache, gedankenlosen Äußerungen, Fake News, persönlichen Unterstellungen usw. beruht. Und auch dort spielt die Unkultur der Social Media-Logiken eine nicht unmaßgebliche Rolle.3 Auch hier in Deutschland sehen wir es. Und in vielen anderen Ländern. Profitieren werden von enthemmten Diskursen vor allem jene, die in jeder Hinsicht ein Interesse an Radikalität haben. Ich zumindest werde versuchen, das alles in Zukunft im Hinterkopf zu behalten und möchte die Leser*innen dieses Beitrages einladen, dies für sich selbst und ganz persönlich ebenfalls zu tun – und wenn es nur von Zeit zu Zeit ist.


Der Gastbeitrag spiegelt die Meinung des Gastautors wider.


Gastautor
  1. Vgl. nur Julia Ebner, Radikalisierungsmaschinen. Wie die Extremisten die neuen Technologien nutzen und uns manipulieren, Frankfurt a.M. 2019; Thorsten Thiel, Souveränität, Dynamisierung und Kontestation in der digitalen Kommunikation, in: Jeanette Hofmann u.a. (Hg.), Politik in der digitalen Gesellschaft. Zentrale Problemfelder und Forschungsperspektiven, Bielefeld 2019, S. 47-60; Maik Fielitz/Holger Marcks, Digitaler Faschismus. Die sozialen Medien als Motor des Rechtsextremismus, Berlin 2020.[]
  2. Maik Fielitz/Holger Marcks, Digitaler Faschismus. Die sozialen Medien als Motor des Rechtsextremismus, Berlin 2020.[]
  3. Siehe dazu nur Yochai Benkler/Robert Faris/Hal Roberts, Network Propaganda. Manipulation, Desinformation, and Radicalization in American Politics, New York 2018.[]

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