Doping & Fairness im Sport

Das Verbot von Doping im Sport erscheint selbstverständlich – doch das System funktioniert nicht. Immer wieder verschaffen sich Sportler dennoch Vorteile durch illegale Hilfsmittel. Unser Gastautor zeigt einen alternativen Weg im Umgang damit auf.

Bild: Wladyslaw via Wikimedia Commons, licensed under CC BY-SA 2.5.

Fairer Wettbewerb ist nicht nur ein wichtiges Grundprinzip der sozialen Marktwirtschaft und des (Neo-) Liberalismus. Auch im Sport kann die Bedeutung von Fairness nicht oft genug betont werden. Sport wird erst durch Regeln interessant. Nur innerhalb dieser Regeln ist hauptsächlich die Leistungsfähigkeit der Sportler, genauer die erbrachte Leistung, entscheidend für das Ergebnis.

Allgemein ist Profisport ein gutes Beispiel dafür, wie Wettbewerb Innovationen hervorbringt. Ob man Fußballfan ist oder nicht, man muss anerkennen: Pep Guardiolas Ballbesitzfußball ist eine intellektuelle Leistung auf höchstem Niveau, die eben nur die wenigsten leisten können. Die strenge und strikte Selbstoptimierung von Sportlern wie Novak Djokovic führt zu außergewöhnlichen sportlichen Leistungen, die man vor einigen Jahren nicht für möglich gehalten hätte.

All diese Leistungen würden aber plötzlich weitaus weniger Anerkennung finden, wenn sie durch den Einsatz illegaler Hilfsmittel – genauer: Doping – entstanden wären. Denn hier verschaffen sich Personen einen unfairen Vorteil, spielen zu Bedingungen, die andere Wettbewerber nicht haben. Deshalb erscheint es konsequent, dass der Wettbewerb überwacht wird, indem Doping konsequent verboten und unterbunden wird.

Das Problem an der Sache: Das System funktioniert nicht. In Mainstream-Sportarten wie dem Fußball, da sind sich Wissenschaftler einig, ist Doping ein eher geringes Problem – einfach, weil die Auswirkungen überschaubar sind. Im Radsport und in Kraftsportarten aber sieht es schon ganz anders aus. Doping ist hier nach wie vor allgegenwärtig. Versuche, die Diskussion in die Öffentlichkeit zu bringen, scheitern. Verbände gucken weg, Journalisten akzeptieren Doping häufig als Teil des Systems. Gleichzeitig soll jedoch der Ruf des fairen Sports aufrecht erhalten werden. Welcher Zuschauer möchte schon der Illusion beraubt werden, gerade wirklich Zeuge einer einzigartigen Leistung geworden zu sein? Wer möchte freiwillig auf die Spannung verzichten, die aus einem scheinbar fairen Kräftemessen entsteht?

Es ist wie so oft bei Eingriffen in einen Wettbewerb: Sind sie nicht wohlüberlegt, verursachen sie meistens nur noch mehr Probleme. Denn neben dem Wettbewerb auf dem Spielfeld ist parallel dazu dadurch der Wettbewerb gegen die Dopingliste eröffnet worden. Die Dopingliste der Nationalen Anti-Doping Agentur listet alle Substanzen auf, die nicht eingenommen werden dürfen. Wird man des Konsums einer auf der Liste erwähnten Substanz überführt, hat man sich des Dopings schuldig gemacht. Alle Substanzen, die jedoch nicht auf der Liste stehen, sind damit erst einmal legal. Daraus entsteht ein großer Anreiz für Innovationen. Wer schafft es als erstes, eine neue Substanz zu präsentieren, die nicht auf der Liste steht?

Der Wirtschaftswissenschaftler Prof. Dr. Gert Wagner fordert deshalb schon lange ein Umdenken. Er möchte, dass Doping erlaubt ist – Sportler aber einen Medikamentenpass führen müssen, in dem sie alle Substanzen auflisten, die sie einnehmen. Bestraft wird man dann, wenn man eine Substanz einnimmt, die nicht auf der Liste steht. Kontrolliert werden müsste also trotzdem. Und dennoch zeigt dieser Vorschlag, dass der intelligente Umgang mit Anreizen oft der nachhaltigere Impuls sein kann, als Dinge zu verbieten und dann dem Umgehen der Verbote mit weiteren Verboten hinterherlaufen zu müssen.

Denn zum einen argumentiert Wagner mit der Spieltheorie. Wenn ich nicht weiß, ob mein Gegner dopt, dope ich zur Sicherheit auch. Wenn ich hingegen weiß, was er einnimmt, wird zumindest eine gewisse Unsicherheit genommen. Zum anderen würde der Anreiz für Innovationen im Bereich Doping reduziert – zumindest teilweise. Denn es ist nicht mehr der Druck da, neue Stoffe entwickeln zu müssen, die nicht auf der Dopingliste stehen. Und außerdem würde die Diskussion viel mehr in die Öffentlichkeit gerückt. Es kann nicht mehr weggeguckt werden, wenn aufgeführt wird, was eingenommen wird. Mögliche Gesundheitsschäden werden intensiver diskutiert – und es könnte nach verträglicheren Alternativen gesucht werden. Und das Verständnis für Abweichler, die sich der Transparenz, also dem Medikamentenpass, entziehen und heimlich etwas einnehmen, wäre in der Öffentlichkeit sicher deutlich geringer.

Und dann ist da natürlich noch das Argument, das auch in der Drogenpolitik gilt: Wenn man doch weiß, dass das System nicht funktioniert und sowieso gedopt wird, wieso dann nicht wenigstens dafür sorgen, dass das Ganze transparent und so sicher wie möglich ist? Verbote fördern nur das illegale Geschäft des Dealers, oder, beim Thema Doping, das des unethischen Sportmediziners.

Doping freizugeben führt daher nicht zu einem unfaireren Wettbewerb. Im Gegenteil. Vielleicht wird der Öffentlichkeit der Glaube genommen, dass Sport im Allgemeinen immer nach fairen Regeln abliefe. Aber es nützt keiner Gesellschaft, wenn man es immer so einfach wie möglich gemacht bekommt, die Augen zu verschließen.

Wie so oft zeigt sich am Ende, dass Verbote Menschen selten davon abhalten, weiter ihr eigenes Ding zu machen. Oft entfachen sie sogar ungewollte Dynamiken. Das Thema Doping ist ein ideales Beispiel gegen Verbotspolitik und ein guter Nährboden für Argumente für Eingriffe, die Anreize setzen, anstatt Dinge symbolpolitisch zu verbieten oder zu kriminalisieren – wohlwissend, dass man das Problem damit nicht ansatzweise unterbindet, sondern es eventuell nachhaltig verschärft.


Der Gastbeitrag spiegelt die Meinung des Gastautors wider.


Gastautor

Bildquelle: Wikimedia Commons, Lizenz via https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.5/deed.en.


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