Der Sonntag schützt vor Arbeit, nicht Ausbeutung

Sonntagsöffnungen ja oder nein? Warum das Festhalten am freien Sonntag nichts als reaktionär ist.

Liberale rühmen sich gerne ihrer nüchternen, weitestgehend rationalen Betrachtung politischer und gesellschaftlicher Probleme. Doch wer behauptet, wir seien in allen Fragen frei von Emotion und Idealismus, belügt vornehmlich sich selbst. Neben dem Dauerbrenner des absoluten Tempolimits sind Sonntagsöffnungen/-schließungen ein Thema, das viele von uns – mich eingeschlossen – schnell in Flammen aufgehen lässt.

Sonntagsöffnungen sind ein Party Piece, um mit unseren Mitstreiter:innen Streit vom Zaun zu brechen – sowohl rechts als auch links im politischen Spektrum. Christlich-Konservative tragen ihre Argumentation bereits im Namen: Der Tag des Herrn steht außer Frage, die Familienwerte gehören geschützt und generell hat alles zu bleiben wie es ist. Linke, Grüne und Sozialdemokrat:innen gedenken, prekäre Familienverhältnisse und Arbeitnehmer:innen zu schützen. Warum dazu genau dieser Tag blockiert werden muss? Wir hatten es gerade: Generell bleibt alles wie es ist.

Vor allem im Bezug auf Arbeitnehmer:innenschutz stellt sich jedoch die Frage, welchen Schutz ein weitgehendes Arbeitsverbot an einem bestimmten Tag der Woche eigentlich bietet: Schutz vor… Arbeit? Arbeitnehmer:innenschutz hat Schutz vor Zwang und unfreiwilliger Ausbeutung zu sein. Nicht vor Selbstbestimmtheit, Eigenverantwortung und Vertragsfreiheit. Doch im Grunde genommen geschieht genau das.

Arbeit ist für jeden Menschen ein wichtiger Bestandteil seines Lebens, egal ob es nur ums Geld, Beschäftigung oder Selbstverwirklichung geht. In einer Welt in der die Arbeitswelt so divers ist wie nie zuvor, muss man den Menschen zumuten können, selbst zu entscheiden, welches Lebens- und damit auch Arbeitskonzept sie am glücklichsten macht. Zum einen bin ich wirklich nicht der Meinung, dass dieses starre Modell noch gute Arbeit leistet, das größte Glück für die meisten Menschen zu gewährleisten. Zum anderen beweist dieses absolutistische Diktat nichts anderes als fehlendes Vertrauen in die eigenen Bürger:innen. Es beweist eher Misstrauen in ihre Fähigkeit, sowohl über ihre wertvollste Ressource, nämlich (Lebens-)Zeit, zu entscheiden als auch für sich selbst in Vertragsverhandlungen einzustehen.

Sich als Staat so über Eigenverantwortung und Vertragsfreiheit zu stellen ist willkürliche Entmündigung, statt Ermächtigung seiner “Schutzbedürftigen”. Arbeitnehmer:innenschutz hat mit Bildung und Ermächtigung derselben zu beginnen, nicht mit reaktionären Beschneidungen ihrer Rechte und Flexibilität. Arbeitnehmer:innen und Arbeitgeber:innen sollten ausreichend unterstützt werden, um selbstbewusst und offen in eine Verhandlung treten zu können und beider Seiten Bedürfnisse möglichst gut zu erfüllen – sowohl bei den Arbeitszeiten und -umständen als auch der Entlohnung. Sollte beider Seiten Entscheidung darauf fallen, dass weiter vorzugehen wie gehabt das optimale Modell ist, dann soll dem so sein. Immerhin wurde eine mündige und hoffentlich informierte Entscheidung gefällt.

Das Mandat eines grundsätzlichen wöchentlichen Ruhetages mag an sich eine gesunde Maßnahme sein – doch die Annahme, dass Sonntagsöffnungen die tief in allen Deutschen verankerte Kultur fester Arbeits- und Freizeiten kippen würden, ist naiv. Die Emotionalität vieler Liberaler in dieser Sache entspringt sicher dem Irrsinn eines willkürlich gewählten Tages, der nur auf absolut veralteter Argumentationsbasis, die freie Lebensgestaltung der Bürger:innen einschränkt.

Außerdem nicht zu vergessen: Auch wenn es oberflächlich klingen mag, ist schlendern und shoppen unabstreitbar ein Teil des sozialen Lebens. Die Annahme man würde durch (gegebenenfalls beschränkte) Sonntagsöffnungen mehr Leute vom Sozialleben aus- als einschließen, halte ich für unterkomplex. Auch wer mit seinen heranwachsenden Kindern noch gerne bis in den Abend etwas unternehmen möchte, sollte die Möglichkeit haben, den Wocheneinkauf an dem Tag zu erledigen, an dem es ohnehin früh ins Bett geht. Wer hingegen jegliche Zeit mit der Familie opfern möchte, um im Sonntagsdienst etwas mehr zu verdienen, sollte das zum einen tun dürfen – auch wenn es nicht wünschenswert ist – und hat im Zweifel völlig andere Probleme – zum Beispiel mit unserem Sozialstaat.

Wie moderner Arbeitnehmer:innenschutz auszusehen hat, steht sicherlich zur Debatte. Doch das Festhalten ausgerechnet am Sonntag ist in einer zunehmend flexibilisierten, und automatisierten post-Corona-Welt nichts als reaktionär. Ständige Erreichbarkeit, ein enormer Niedriglohnsektor, unsichere Renten und hohe Steuern für niedrige Einkommen machen Arbeitnehmer:innenschutz zu einem unausweichlichen Thema unserer Zeit. Wir sollten es auch mit den Mitteln und Perspektiven unserer Zeit angehen.

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