Die Rente ist sicher – aber nur mit einem Systemwechsel!

„Die Rente ist sicher“ – das gilt nicht mehr. Das gesetzliche Rentensystem gerät zunehmend in Schieflage. Eine liberale, kapitalgedeckte Altersvorsorge ist nicht nur viel leistungsfähiger, sondern passt auch besser zu unserem modernen Gesellschaftsbild.

Knapp mehr als 280.000 Euro – das ist der Betrag, den der durchschnittliche deutsche Arbeitnehmer in Vollzeit im Laufe seines Lebens in die Rentenversicherung einbezahlen wird.1

Wenn dieser Betrag nicht in die gesetzliche Rentenversicherung fließen würde, sondern in einen klassischen Aktienfonds, der in große Industrieländer wie z.B. Deutschland oder die USA investiert, hätte dieser potentielle Arbeitnehmer nach 45 Jahren ein Vermögen von etwa 1,43 Millionen Euro angespart2. Bereinigt um die Inflation wäre dieses Vermögen zum heutigen Tag ca. 732.000 EUR wert. Damit würde dieser Arbeitnehmer deutlich zur Gruppe der vermögensstärksten Bürger gehören.

Von der gesetzlichen Rentenversicherung erhält dieselbe Person im günstigsten Fall hingegen nur die Hälfte dieses Betrages durch die monatliche Rentenauszahlung3 – mit dem Risiko, bei einem frühen Tod sogar weitaus weniger zu erhalten, falls z.B. kein Ehepartner die Ansprüche teilweise übernehmen kann. Sogar das gilt nur unter der Voraussetzung, dass die Renten auf diesem hohen Niveau gehalten werden können, was angesichts der demografischen Entwicklung ziemlich unrealistisch ist.

Sich etwa 3.200 € pro Monat aus einer privaten Vorsorge auszahlen zu lassen – das würde für viele Menschen einen völlig anderen Lebensstandard im Alter bedeuten, insbesondere auch mehr finanzielle Absicherung, falls im hohen Alter intensive Pflege notwendig wird und hierfür hohe Kosten anfallen. Die Diskrepanz zwischen dem Rechenbeispiel einer privaten Vorsorge und der heutigen Leistung der gesetzlichen Rentenversicherung ist also riesig und es drängt sich zwangsläufig die Frage auf, was die Gründe dafür sind. Es ist Zeit, die Systemfrage bei der Rentenversicherung zu stellen!

Die heutige gesetzliche Rentenversicherung – eine klassisch staatliche Sozialversicherung

Die gesetzliche Rentenversicherung (GRV) ist eine der bedeutendsten deutschen Sozialversicherungen und dient vornehmlich der Absicherung im Alter. Neben der Altersrente übernimmt die GRV auch Aufgaben wie die Auszahlung einer Rente wegen verminderter Erwerbsfähigkeit oder der Waisenrente. Dieser Artikel beschäftigt sich ausschließlich mit der Altersrente und Fragen zur Gestaltung des dazugehörigen Rentensystems. Das soziale Versicherungssystem der gesetzlichen Rentenversicherung deckt – wie jede Versicherung – einen spezifischen Versicherungsfall ab. Die Altersrente bezieht sich hierbei nicht auf etwas Negatives, sondern auf den Wunsch der meisten Menschen, nämlich das „Risiko“ eines langen Lebens. Selbstverständlich möchte (und kann) man ab einem gewissen Alter nicht mehr erwerbstätig sein und braucht eine andere Einkommensquelle, um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Der Mensch, der besonders lange lebt, trägt, rein finanziell gesprochen, hier also das größte Risiko – daher wird auch vom sogenannten Langlebigkeitsrisiko gesprochen. Dadurch, dass die Altersrente monatlich an die Rentner ausgezahlt wird, passt sich die Gesamtauszahlung der Rentenversicherung quasi automatisch an das Lebensalter an.

Grundsätzlich kann man zwei Systeme der Rentenversicherung im Bereich der Altersrente unterscheiden: ein Umlagesystem mit einem Generationenvertrag und ein kapitalgedecktes System. In Deutschland liegt Ersteres vor mit einem – nicht schriftlich festgehaltenen, aber durch die Regelungen implizierten – Vertrag, der die folgenden drei Elemente enthält:

  • Verpflichtung der heutigen Generation zur Unterstützung der im Ruhestand lebenden Generation durch Beitragszahlungen
  • Aufgabe der heutigen Generation, für eine ausreichend hohe Geburtenrate zu sorgen und durch Bildung und einen hohen Kapitalstock4 ein hohes, gesundes Wirtschaftswachstum zur Sicherung des gesellschaftlichen Wohlstands zu erzielen
  • Anspruch der heutigen Generation auf Renteneinkommen in Abhängigkeit der Arbeitseinkommen der zukünftigen Generation

Andere Länder, wie z.B. die beiden skandinavischen Staaten Norwegen und Schweden, setzen teilweise oder sogar vollständig auf kapitalgedeckte Systeme. In Norwegen basiert das Rentensystem auf einem Staatsfonds, der maßgeblich auf den Erträgen der Ölförderung des Landes beruht. In Schweden besteht ein Teil des Rentensystems aus der Anlage von Rentenbeiträgen in einen Fonds. Hierbei kann man entweder diesen Teil der Beiträge in den vom Staat ausgewählten Fonds investieren oder man hat die Möglichkeit, aus etwa 800 verschiedenen Fonds als Geldanlage zu wählen.

“Im liberalen Sinne sollte jede Person in möglichst geringer Abhängigkeit von anderen für das eigene Alter vorsorgen können”

Alleine schon aus rein ideologischer Sicht ist ein umlagefinanziertes Rentensystem problematisch, da die Struktur des Systems nicht liberal, sondern kollektivistisch ist. Besonders, dass eine Generation als Kollektiv dazu verpflichtet wird, für eine gewisse Geburtenquote zu sorgen, lässt sich nicht mit liberalen Grundsätzen vereinbaren. Jedem Individuum sollte es freistehen, einen Kinderwunsch oder eben keinen Kinderwunsch zu haben. Des Weiteren liegt der Wunsch über die Anzahl der eigenen Kinder selbstverständlich im Entscheidungsspielraum eines Individuums. Da im liberalen Sinne eine Generation nicht als Kollektiv betrachtet werden kann, sondern als Summe von autonom entscheidenden Individuen, ist jegliche Verpflichtung zu einer bestimmten Geburtenquote daher sehr kritisch zu sehen. Aber auch innerhalb einer Generation beruht der Generationenvertrag auf einer illiberalen Ideologie. Wieso sollten die Kindesentscheidungen von Menschen aus derselben Altersgruppe Einfluss auf die eigenen späteren Rentenansprüche haben? Dies ist allerdings tatsächlich der Fall, da die zukünftige Generation die eigene Rente finanzieren muss. Je höher die Geburtenquote der eigenen Generation, desto höher die Chance, dass für die Sicherheit der eigenen Rente genügend Beitragszahler vorhanden sind.

Die kollektivistische Natur dieses Systems führt also zu einer Denkweise in der Kategorie von Generationen, die als Kollektiv letztendlich zusammengefasst werden. Der einzelnen Person, dem im Liberalismus so zentralen Individuum, wird die Entscheidungs- und Gestaltungsfreiheit im Bezug auf die eigene Altersvorsorge jedoch völlig vorenthalten. Diese illiberale, kollektivistische Betrachtungsweise setzt sich bei anderen Ansätzen fort, wie beispielsweise dabei, eine niedrige Geburtenquote durch Zuwanderung auszugleichen. Dass Zuwanderer hier auf die Rolle nützlicher Beitragszahler in einem solchen System reduziert werden und gerade von konservativer Seite eine Argumentation pro Zuwanderung oftmals ausschließlich aus diesem Grund geschieht, finde ich ziemlich grenzwertig. Es ist ein liberales Grundprinzip, geordnete Zuwanderung zu befürworten. Dass dadurch die Wirtschaftskraft gestärkt und in Folge dessen höhere staatliche Einnahmen generiert werden können, darf dabei aber keinesfalls als Hauptargument herhalten. Auf diesen Aspekt sollte die Betrachtung der Zuwanderung nicht reduziert werden.

Das Argument der Zuwanderung zur Sicherung der Rentenversicherung diente in der Vergangenheit linken Parteien zur Legitimation der Aufnahme von asylsuchenden Menschen. Wollen wir bei Menschen, die aufgrund von politischer Verfolgung oder Kriegszuständen im eigenen Land geflohen sind und Deutschland um Asyl bitten, wirklich so konkret an unser Rentensystem denken und sie auf nützliche Beitragszahler in einem überlasteten Rentensystem reduzieren? Das möchte man insbesondere linken Parteien wie speziell den Grünen zurufen, die in der Vergangenheit zur Legitimation der Aufnahme von Asylsuchenden mit der Sicherung des Rentensystems argumentiert haben.

All diese Beispiele zeigen, dass unser Rentensystem auf einem inzwischen veralteten, überholten, konservativen Gesellschaftsmodell aufbaut. Im liberalen Sinne sollte jede Person in möglichst geringer Abhängigkeit von anderen für das eigene Alter vorsorgen können. Daher sollten wir den Menschen auch diese Möglichkeit eröffnen. Zudem würden sich auch mehrere soziale Probleme, wie z.B. Altersarmut, Vermögensungleichheit sowie die Notwendigkeit von mehr Flexibilität beim Renteneintrittsalter, durch ein solches System leichter bekämpfen lassen.

Die finanzielle Schieflage unseres Rentensystems – eine tickende Zeitbombe

Nicht nur in ideologischer, sondern auch in finanzieller Hinsicht bringt das aktuelle Rentensystem gewaltige Probleme mit sich. Anders als bei einer klassische Sozialversicherung werden die Ausgaben der gesetzlichen Rentenversicherung nicht vollständig durch die Beiträge dieser Sozialversicherung gedeckt. Ohne den sogenannten Bundeszuschuss – eine jährliche Zahlung aus dem Bundeshaushalt in die Rentenversicherung – wäre die Auszahlung an die Rentenempfänger überhaupt nicht mehr zu finanzieren oder das System würde sich von Jahr zu Jahr immer mehr überschulden. 2008 lag der Steuerzuschuss bei 78,8 Milliarden Euro, in diesem Jahr (2020) wird er vermutlich bei 100 Milliarden liegen. Da wir im Jahr 2020 noch weit von den Jahren der voraussichtlichen Maximalbelastung der Rentenversicherung (2035 bis 2040) entfernt sind, kann man davon ausgehen, dass der Steuerzuschuss weiter steigen und das System damit von Jahr zu Jahr immer stärker in Schieflage geraten wird. Zudem hat die Rentenpolitik der letzten Jahre (insbesondere die Grundrente der Bundesregierung, aber auch vorangegangene Rentenreformen) dazu geführt, in der es schlichtweg unmöglich wird, die Rentenauszahlungen aus den Rentenbeiträgen zu finanzieren.

Aktuell sind Obergrenzen für Rentenbeiträge für einen gewissen zukünftigen Zeitraum durch das Prinzip der “doppelten Haltelinie” – maximal 20% Rentenbeitrag und mindestens 48% Rentenniveau5 – festgelegt. Allerdings werden diese Regelungen zu den wirklich kritischen Belastungszeitpunkten unseres Rentensystems sicherlich ihre Gültigkeit verloren haben oder eine solche Festsetzung muss durch noch größere Steuerzuschüsse subventioniert werden. Jede denkbare Finanzierungsmöglichkeit würde mit absoluter Sicherheit schwer auf den jüngeren Generationen lasten. Es lässt sich also eindeutig sagen: Das aktuelle System der Rentenversicherung ist nicht einmal im Ansatz nachhaltig und steuert auf einen völligen Kollaps innerhalb der nächsten Jahrzehnte zu.

Eine Regierung, die überhaupt nicht an einer Problemlösung interessiert ist

Die politische Debatte hat sich in den letzten Jahren nach und nach immer mehr von einer Systemfrage zur Rentenversicherung entfernt. Politikvorschläge zielen oft darauf ab, einer älteren Generation zusätzliche Leistungen der Rentenversicherung zu versprechen (z.B. Grundrente, Mütterrente etc.). Oftmals geschieht dies mit offensichtlich wahltaktischen Absichten, insbesondere durch die SPD und die Union, deren Wähler zu großen Teilen in entsprechenden Generationen zu finden sind. Interessen der jüngeren Generationen werden hier sträflich vernachlässigt. Konnte man in den 2000er-Jahren noch eine Beschäftigung mit dem System der Rentenversicherung in politischen Debatten beobachten, so hat sich der Fokus in den 2010er-Jahren immer mehr dahin verschoben, unrealistische Versprechen an potentielle Wähler abzugeben, zu denen nie ein schlüssiges Finanzierungskonzept vorgelegt werden konnte . So wurde jedenfalls der Eindruck erweckt, dass durch die Politik beim Thema der Rentenversicherung die Interessen verschiedener Generationen gegeneinander ausgespielt werden, anstatt nach einer nachhaltigen und generationengerechten Lösung zu suchen.

Ein weiteres Problem der gesetzlichen Rentenversicherung liegt darin, dass sie nicht vor Altersarmut schützt. Dieses Problem wird sich in den kommenden Jahren noch weiter verschärfen, da das Rentenniveau im Vergleich zu den Einkommen in Deutschland immer weiter abzusinken droht. 6 Rentner leiden im Vergleich zu Erwerbstätigen unter einer deutlich geringeren Kaufkraft. Ungerechtigkeiten nicht nur auf dem Wohnungsmarkt sind da vorprogrammiert. Im Vergleich zu Erwerbstätigen sinkt also der implizierte Wert der Renten, da Rentner mit Erwerbstätigen immer weniger konkurrieren können. Dass dies geschieht, obwohl die Rentenauszahlungen immer mehr zu einer größeren Überlastung des Systems führen, illustriert, wie wenig nachhaltig finanziert das aktuelle Umlagesystem ist. Daher kann eine wirklich wirksame Lösung nicht in der Reformierung des Systems liegen, sondern es muss zu einer grundsätzlichen Neugestaltung unseres Rentensystems in Deutschland kommen.

Die reale Gefahr von Altersarmut in Deutschland beruht nicht nur auf dem Versagen des deutschen Rentensystems und dem immer weiter sinkenden Rentenniveau im Vergleich zu den Einkommen, sondern auch auf Preissteigerungen, wie z.B. bei der Miete, denen nicht durch Rentensteigerungen begegnet werden kann, weil das System bereits heute völlig überlastet ist. Die Reformen der letzten Jahre haben die Belastung des Rentensystems auf Kosten der jüngeren Generation nur noch weiter erhöht und für keine nachhaltigen Lösungen gesorgt.

Ein liberaleres und nachhaltigeres Rentenmodell

Ein zukunftsfähiges Rentensystem besteht meiner Ansicht nach aus zwei grundsätzlichen Elementen: einem Grundsicherungsystem und der effektiven privaten Vorsoge für das Alter.

Die Grundsicherung sollte über ein generelles bereichsübergreifendes System geleistet werden, das Menschen vor Armut schützt. Hierfür würde sich das liberale Bürgergeld sehr gut eignen, das nicht nur für Menschen im erwerbstätigen Alter, sondern auch für Rentner auf flexible Art und Weise einen angemessenen Lebensstandard sichert. 7

Über die Grundsicherung hinaus sollte die Vorsorge nicht durch ein Umlagesystem erfolgen, sondern über verschiedene Möglichkeiten der privaten Vorsorge mit einem flexiblen Grad an staatlicher Unterstützung. Konkret könnte man das schwedische Modell für den privaten Teil der Vorsorge übernehmen, nur mit dem Unterschied, dass hier der Anteil der privaten Vorsorge deutlich größer wäre und die Möglichkeit eines Opt-Outs aus der gesamten staatlichen Struktur der Altersvorsorge bestehen sollte. Der monatliche Rentenbeitrag würde – falls der Bürger dem nicht widerspricht – in einen staatlich geführten Fonds angelegt werden, der auf sicheren Rentenpapieren basiert, die insbesondere bei einer langen Laufzeit so gut wie kein Risiko tragen. Er könnte allerdings auch jederzeit die Anlage in einen anderen Fonds wählen – ähnlich wie in Schweden könnte man hier mehrere hundert Fonds für eine solche Anlage zertifizieren. Der Bürger hätte eine große Auswahl und könnte beispielsweise in einen deutschen Immobilienfonds, aber auch in einen amerikanischen Aktienfonds oder in einen global operierenden Mischfonds investieren. Die Vielfalt der Entscheidungsmöglichkeiten wären sehr groß. Falls er keine Entscheidung äußert, wird sein Geld in die „Default-Variante“, den eben erwähnten staatlich geführten risikoarmen Rentenfonds, investiert.

Da es sich hier um Gelder handelt, die einem konkreten Individuum gehören und nicht dem Staat, muss zusätzlich zu diesen Regelungen die Möglichkeit eines Opt-Outs bestehen. Das heißt, jede Person könnte frei über dieses Geld verfügen und aus dem System entweder vollständig oder zumindest teilweise aussteigen. Neben flexiblen Sparmöglichkeiten bietet dies auch Optionen, das angesparte Vermögen für dringende Ausgaben teilweise zu verwenden und eine finanzielle Notlage auszugleichen. So könnten z.B. kurzfristige Schulden bezahlt, eine Immobilie mitfinanziert oder Geld für eine Weiterbildung gewonnen werden, die später zu einem höheren Gehalt führen könnte. Das Geld könnte allerdings auch für eine völlig freie private Gestaltung der Altersvorsorge genutzt werden, falls der Person die Möglichkeiten innerhalb des staatlichen Systems nicht ausreichen. Letzteres wird sicherlich der Regelfall sein, aber die Höhe des angesparten Vermögens (siehe Rechenbeispiel in der Einleitung) wird dem Individuum sicherlich vielfältige Möglichkeiten eröffnen, die weit über den Hauptzweck der Vermögensbildung, der Altersvorsorge, hinaus gehen. Somit würde man ein wirklich liberales Modell mit vielen verschiedenen Optionen schaffen. Der Staat würde den Bürger nach wie vor nicht alleine lassen, sondern nur wenn er dies ausdrücklich wünscht. Er bietet sowohl viele Hilfen und Optionen als auch das Modell völliger Entscheidungsfreiheit über die eigene Altersvorsorge an.

Ein leistungsstärkeres System im Vergleich zum umlagefinanzierten Rentensystem

Ein Hauptgrund, warum ein solches System leistungsstärker wäre, ist die Möglichkeit, viel höhere Auszahlungen im Rentenalter zu generieren. In der Einleitung dieses Artikels wurden bereits die finanziellen Performanceunterschiede angesprochen. Eine Abkehr vom umlagefinanzierten System ermöglicht sowohl eine leichtere Teilhabe an der positiven Wirtschaftsentwicklung als auch den einfacheren Aufbau eines privaten Vermögens. Dies könnte auch von steuerlichen Vergünstigungen begleitet werden, z.B. höheren Freibeträgen bei der Abgeltungsteuer, um solche privaten Vorsorgemodelle nicht zu stark von der Steuer zu belasten.

Das Argument, dass kapitalgedeckte Systeme ein größeres Risiko in Zeiten großer Wirtschaftskrisen mit sich tragen, ist zwar korrekt. Allerdings würde ja immer noch die Grundsicherung durch ein System wie das liberale Bürgergeld als soziales Auffangnetz greifen. Zudem würde sicherlich jedes Rentensystem in einer solchen Krise stark belastet werden, dies ist kein ausschließliches Merkmal eines kapitalgedeckten Systems.

Eine große Absicherung durch ein rein staatliches “Vollkasko-System” (hier verstärkt durch die Tatsache, dass es sich um ein Umlagesystem handelt) führt auch immer wieder – wie generell bei einem starken Sozialversicherungssystem – zu einer höheren Vermögensungleichheit bei privaten Vermögen, da Menschen sich auf die Vorsorgeleistung durch den Staat verlassen und zu einem deutlich geringeren Maße privat vorsorgen 8) . Wenn dann eine Sozialversicherung, wie die Rentenversicherung, die an sie gestellten Erwartungen nicht erfüllen kann, hat das oft sehr negative Konsequenzen. Der Satz „Die Rente ist sicher!“ gilt leider nicht mehr und man nimmt einer jüngeren Generation durch stetig steigende Rentenversicherungsbeiträge auch die Möglichkeit privat entsprechend vorzusorgen. Diese Möglichkeit haben vermehrt nur noch Menschen mit hohen Einkommen – der Mittelschicht bleibt dies immer öfter verwehrt, da nach Abzug des Rentenbeitrags vom verfügbaren Einkommen oft nur geringe finanzielle Mittel zum Ansparen eines Vermögens übrig bleiben. Mitunter durch die hohen Rentenbeiträge haben viele Menschen aus der Mittelschicht am Ende des Monats kaum mehr freie finanzielle Mittel zum Vermögensaufbau übrig, während Menschen in hohen Einkommensklassen zwar durch den Rentenbeitrag belastet werden, ein Vermögensaufbau hier allerdings nicht vollständig verhindert wird.

Die Kosten für einen Systemwechsel wären vergleichbar mit anderen teuren Vorhaben der Vergangenheit

Ein oft genanntes Argument gegen einen solchen Systemwechsel in der Rentenversicherung sind die Kosten für einen Systemwechsel von einem Umlagesystem. Angesichts dessen, was für andere Vorhaben an Geldern bereitgestellt wurde, wie z.B. für die Rettung Griechenlands in der europäischen Staatsschuldenkrise, Bailout-Mechanismen für Banken im Jahre 2008 oder die nationalen und europäischen COVID -19-Konjunkturpakete, scheint dies jedoch ein bloßes Scheinargument zu sein. Beispielsweise bestehen die Staatshilfen für die Rettung Griechenlands zum größten Teil zwar nur aus Bürgschaften, allerdings kann man davon ausgehen, dass Deutschland die initiale Summe nie wieder zurückerhält, sondern lediglich regelmäßige Zinszahlungen. Das Geld wird also über einen sehr langfristigen Zeitraum quasi „abgeschrieben“. Ähnlich könnte man dies bei einem Systemwechsel in der Rentenversicherung gestalten. Die finanziellen Lasten dieses Systemwechsels liegen vermutlich höher als die der Griechenlandrettung, aber sind nicht so massiv, als dass man nicht die gleiche Methode anwenden könnte, nämlich die finanziellen Lasten über einen sehr langfristigen Zeitraum abzuschreiben. Zudem sollte erwähnt werden, dass durch den Wechsel zu einem System der privaten Vorsorge lediglich die Belastung durch das Umlagesystem im Bundeshaushalt erschiene – die Belastung durch den Generationenvertrag selbst ist nämlich schon längst bittere Realität. Die Renten der aktuell erwerbstätigen Generation werden nicht als Forderungen verbucht, wie es bei einem Unternehmen mit einer betrieblichen Altersversorgung der Fall ist . Man würde also lediglich bereits bestehende Forderungen, die das aktuelle System überlasten, sichtbar machen. Dadurch würde man allerdings nichts an den Forderungen selbst ändern und man könnte sich endlich dem viel entscheidenderen Problem widmen: der Finanzierung des Übergangs zu einem wirklich nachhaltigen Rentensystem.

Fassen wir also zusammen: Wir sollten definitiv über eine tiefgreifende Reform unserer Rentenversicherung reden. Dabei sollte es klar sein, dass es eine Absicherung geben muss, die vor Altersarmut effektiv schützt und einen gewissen Lebensstandard garantiert. Darüber hinaus sollten wir mehr auf die Selbstbestimmtheit der Menschen vertrauen, den Aufbau von Vermögen fördern und dadurch auch die Abhängigkeit des Bürgers vom Staat reduzieren.
Lasst uns also bei der Rentenversicherung mehr Liberalismus wagen und für mehr Wohlstand im Alter sorgen!

  1. Vorausgesetzt die Person zahlt über 45 Beitragsjahre in die gesetzliche Rentenversicherung ein und hat ihre berufliche Laufbahn in diesem Jahr (2020) begonnen[]
  2. 372€ Einzahlung in Monat (heutiger Rentenbeitrag des durchschnittlichen Arbeitnehmers in Vollzeit), angelegt in einen Aktienfonds mit 6,5% durchschnittlicher Wertentwicklung p.a. und erwarteter Inflationsrate bei 1,5%[]
  3. Betrachtung der sogenannten Eckrente und der weiteren Lebenserwartung des durchschnittlichen 67jährigen (262.200€); selbst wenn man von einer höheren Rentenauszahlung als der Eckrente ausgeht, ist der Gesamtbetrag sicherlich niedriger als die Hälte von 732.000€; zudem erfolgt die Auszahlung der privaten Vorsorge zeitversetzt, sodass weitere Kapitalerträge über das restliche Leben hinweg zu erwarten sind[]
  4. Unter dem Begriff “Kapitalstock” versteht man den Bestand an Sachkapital in einer Volkswirtschaft wie Fabrikgebäude, Maschinen oder technische Anlagen, die zu Produktionszwecken eingesetzt werden. Neben den erwerbstätigen Menschen (Humankapital) und dem technologischen Fortschritt stellt der Kapitalstock eine der wichtigsten Grundlagen für die langfristige Entwicklung einer Volkswirtschaft dar.[]
  5. https://www.bmas.de/DE/Schwerpunkte/Deine-Rente/Fragen-und-Antworten-Rentenpakt/faq-rentenpakt.html[]
  6. https://rp-online.de/wirtschaft/studie-mit-so-viel-rente-kann-man-im-jahr-2040-rechnen_aid-20511137[]
  7. Ein späterer Artikel wird das Thema “liberales Bürgergeld” näher beleuchten.[]
  8. Siehe ein Vergleich der Vermögensungleichheiten privater Vermögen zwischen Ländern mit starken Sozialversicherungssystemen und schwachen Sozialversicherungssystemen (https://www.iwd.de/artikel/gini-koeffizient-deutschland-in-guter-gesellschaft-387788/[]

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